Bozener Thalkessel.
Von Meran abwärts ändert die Etsch plötzlich ihre Richtung; sie fließt nunmehr nach Südsüdosten bis in den Bozener Thalkessel, von wo sie eine rein südliche Richtung einschlägt. Das Etschthal von Meran bis Bozen heißt auch das Mutterländchen; es ist der Kern, an den das übrige Tirol nach und nach hinzugewachsen ist. Hier breitet die Natur schon jenen üppigen Segen aus, der sich dann durch das ganze übrige Etschland fortsetzt. Das Thal ist offen, mit flacher Sohle; Leben und Bevölkerung haben sich aber, diese Ebene vermeidend, an ihren beiden Seiten zu den Thalgehängen hingezogen. Hier liegt eine ganze Reihe von malerischen, wohlhabenden, rebenumrankten Ortschaften, überragt von prächtigen alten Burgen. Die Bahn und die Etsch drängen mehr nach der linksseitigen Thalwand hin, wo auch die Poststraße läuft, an den alten Burgen von Gargazon und Maultasch und dem rebengesegneten Terlan vorüber, und längs der roten Porphyrwände, von denen aus luftiger Höhe auch die Burgtrümmer von Greifenstein herunterleuchten. Am rechten, südwestlichen Thalgehänge ist das Gestein anfangs Granit, später auch Porphyr, von steilen Schluchten durchschnitten; auch Sandstein und vorgedrängtes Dolomitgeröll. An dieser Thalwand ragen die Schlösser Lebenberg und Helmsdorf, Thurn, die epheuumsponnene Maienburg und Brandis; dazwischen Bergschluchten, Weingärten und Haine von Edelkastanien und wiederum alte Burgen: Leonburg, Fahlburg, Katzenzungen, Wehrburg, Schwanburg und Nalsburg und viele andere. Man wird wohl kaum auf einem anderen Fleck Erde so viel Naturschönheit, mittelalterliche Romantik und gesundes Volkstum vereint finden, wie hier. Dabei wohnt in den sonnigen Dörfern eine rein deutsche Bevölkerung, hoch gewachsen und schön, treuherzig und an alter Sitte hangend.
Abb. 144. Klausen und Kloster Säben.
Abb. 145. Fürstenzimmer im Schloß Feldthurns.
(Nach einer Originalphotographie von B. Johannes in Partenkirchen-Meran.)
X.
Sillthal, Brenner und Bozen.
Sillthal oder Wippthal.
Wir kehren wieder zur Landeshauptstadt zurück, um jenen merkwürdigen Thalspalt kennen zu lernen, der von Innsbruck aus durch das Sillthal, über den Brenner und das Eisackthal bis in den Bozener Kessel zieht. Heute tragen uns die Züge der Brennerbahn durch diesen Thalspalt dem sonnigen Süden zu. Gleich hinter dem Bahnhofe Innsbruck und dem ehrwürdigen Stift Wilten beginnen die mächtigen Bauwerke dieser Bahn, wo uns jene finstere Felsenpforte entgegengähnt, die den Berg Isel durchbohrt. Hoch über uns türmt der einst so viel umkämpfte Bergwall sich empor, dessen blutgetränktem Boden jetzt fröhlich grünender Wald entsproßt. Dahinter nimmt uns das einsame Sillthal auf, an dessen östlicher Thalwand die Bahn bergan steigt. Kaum hat dieselbe den Iseltunnel verlassen, so erscheint gegenüber eine von einem kühnen Brückenbogen überspannte Thalöffnung. Es ist der Eingang ins Stubaithal.
Stubaithal.