Das Stubaithal zieht sich, in seiner unteren Hälfte offen, bevölkert und wohlangebaut, im oberen Teil in almenreiche Hochthäler gespalten, hinauf zur Kette der Stubaier und Lisenzer Ferner. Die charakteristischen Bergformen des Kalkes und des Thon- und Glimmerschiefers treffen hier zusammen und schaffen ein reiches und großartiges Landschaftsgesicht, das sich schon am Eingang des Thales zeigt. In diesem liegt zu unterst das lebhafte Dorf Mieders ([Abb. 126]); von der jenseitigen grünen Höhe schauen freundlich die weißen Häuser von Telfes herab. Weiter thaleinwärts führt das Sträßchen nach dem bevölkertsten Orte des Thals: Vulpmes ([Abb. 127]), wo ein lebhaftes Eisengewerbe blüht. Mit Sensen, Sicheln, Äxten und anderen groben Eisenwaren versorgt das Stubaier Schmiedehandwerk einen weiten Umkreis. Das letzte Dorf in dem nur wenig ansteigenden Thal ist Neustift ([Abb. 128]). Hier verzweigt das Thal sich in zwei große Äste. Einer von ihnen, das Oberbergthal, wendet sich mehr westwärts in die großartige Wildnis der Alpeiner Alp empor, wo um die mächtigen firnumkleideten Felsriesen des „Wilden Turmes“, des Schrankogl und der Ruderhofspitze ein Eismeer sich ausdehnt, dessen nordöstliche Abdachung als „Alpeiner Ferner“ in das Thal niedersteigt. Das Hauptthal aber, Unterbergthal genannt, zieht noch fünf Stunden weit bis zu jenem Kranz gigantischer Eisberge, die man schon am Eingange des Stubaithals den Thalschluß mit leuchtendem Glanze überdachen sieht. Hier erheben sich neben dem 3511 m hohen „Zuckerhütl“, in dem die Gruppe kulminiert, der wilde Pfaff, die Sonklarspitze, die Schaufelspitze, der Botzer, der wilde Freiger, die Wildspitze, der Daunkogl und andere über 3000 m erhabene Gipfelhöhen aus einem weit gedehnten Eismeer, das zahlreiche prächtige Gletscherzungen in die obersten Verzweigungen des Thals herabhängen läßt. Zahlreiche vergletscherte Joche, unter denen das Bildstöckeljoch am meisten begangen ist, führen in die benachbarten Thäler, in das Ötzthal, ins Pflersch- und Ridnaunthal, selbst bis in die fernen obersten Gründe von Passeier.

Abb. 146. Waidbruck.

Brenner. Gossensaß.

Kehren wir zur Brennerbahn zurück. Sie erreicht die erste größere Ortschaft des Sillthales, das lang an der Straße hingestreckte Matrei ([Abb. 129]). Das Thal wird auch Wippthal genannt, der Name kommt von Vipitenum, wie einst Sterzing genannt ward. Unter dem alten Schloß, das Matrei überragt, führt in einem Tunnel die Bahn, dann in ebenem Gelände fort bis zu dem malerischen Steinach ([Abb. 130]), Geburtsort Martin Knollers, des bedeutendsten Tiroler Malers — vor Defregger. Von hier beginnt die eigentliche Steigung der Bahn. Diese hebt sich an der östlichen Thalwand höher und höher empor und biegt, weil sie auf gerader Linie die Steigung nicht bewältigen kann, weit in das Schmirner und Valser Seitenthal ([Abb. 131]) ein, indem sie in halbkreisförmigem Tunnel einen Berg durchbricht. Tief unter ihr liegt nun die Thalsohle und das letzte Dorf im Wippthale, Gries, über welches der Blick des Reisenden in ein stilles Seitenthal, das Obernbergthal, hinüberschweift. Noch eine letzte Steigung an kahler Felswand überwindet die Lokomotive keuchend und stöhnend; dann schlingt sich der Eisenpfad um einen grünen träumerisch zwischen Bergwäldern schlafenden See und erreicht die Paßhöhe.

Zwischen den östlichsten Ausläufern der Stubaier Gebirgsgruppe und dem Westabfall der Zillerthaler Gruppe ist, 1362 m über dem Meere, ein grünes Hochthal eingeschnitten: der Brenner. Als geräumige, alte, sturmfeste Herberge für Wanderer und Fuhrleute steht hier das stattliche Haus der Brenner Post, auf der Wasserscheide zwischen dem Schwarzen Meer und der Adria, an einer der wichtigsten Heer- und Völkerstraßen Europas.

Abb. 147. Kastelruther.
(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)

Minutenlang rasten hier die mächtigen Lokomotiven, die keuchend ihre Züge heraufgeschleppt haben bis zur kühlen Paßhöhe. Aber es ist nicht viel zu sehen auf der berühmten Thälerscheide: den Ausblick in die höhere Gebirgswelt verdeckend schiebt sich von Westen her dunkles Waldgehäng, während man nach Osten zu auch nur grün bewachsene unscheinbare Bergrücken erblickt, die sich vom Tuxer Kamme herabziehen. Wer vom Süden heraufkam, nimmt hier Abschied von einer sonnigeren Welt; wen aber der Bahnzug oder das leichte Stahlrad — andere Fahrzeuge sieht man hier nicht mehr — von Innsbruck hergeführt hat, der kann wohl oft genug, wenn im Norden graue Nebel die Berge umrauchen, hoffnungsfreudig nach Süden schauen, wo durch ein Eckchen im Thalspalt jener wärmere Himmel blau aufglänzt, der ihn erwartet.

Hinter dem Brennerposthause stäubt durch den Bergwald ein zierlicher Wasserfall herab. Es ist der Ursprung des Eisack ([Abb. 132]). Und dann laufen sie, zunächst vorüber am stillen Wildbad Brenner (Abb. [133] u. [134]), durch das stundenlange Wiesenthal friedlich nebeneinander her: die Eisenlinie der Brennerbahn, die alte Heerstraße und der krystallklare Eisack. Aber bei der Station Schelleberg gewinnt die Landschaft rasch ein anderes Gesicht. Das Thal öffnet sich weit; steil zieht die Heerstraße hinab nach Gossensaß; in wilden Sprüngen wirft sich neben ihr der Eisack in die Tiefe, und die Bahnlinie schwenkt nach rechts ab, um mittels eines langen Umweges durch das seitliche Pflerschthal die Tiefe von Gossensaß zu gewinnen. Nur ein bewunderungswürdiger Bau hat ihr dies möglich gemacht. Hoch oben zieht sie sich an der nördlichen Thalwand von Pflersch in das Thal hinein, bohrt sich ein tiefes gekrümmtes Loch in die Bergwand, um Raum zur Umkehr zu finden und zieht dann an demselben Hang absteigend nach Gossensaß hinaus ([Abb. 135]).