Abb. 148. St. Ulrich (Grödener Thal).
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)

Gossensaß — der Sitz der Goten! War’s ein Wachtposten, den der große Theodorich hier zurückgelassen hatte, als er in die italischen Gefilde mit Heeresmacht hinabgestiegen war, um auf den Trümmern der römischen Weltmacht sein Gotenreich zu begründen? Oder war’s ein Rest versprengter Helden, die nach König Tejas tragischem Schlachtentod hier eine Zuflucht fanden? Heut ist Gossensaß eine der besuchtesten Sommerfrischen Tirols, mit vorzüglichen stattlichen Gasthäusern; nur durch seinen Namen klingt noch ein Ton wie Schwertergeklirr und Heerruf herauf aus den Tagen der Völkerwanderung.

Abb. 149. Fischburg, gegen die Geislerspitzen.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)

Pflerschthal.

Bei Gossensaß erschließt sich das Pflerschthal, das gegen Westen hinanzieht zu den Stubaier Fernern, die hier am weitesten gegen die Thalfurche des Brenners vortreten. Berühmt wegen seines, trotz seiner hohen Lage und seiner eisigen Umwallung milden Klimas, ist das kurze Thal reich an landschaftlicher Schönheit ([Abb. 136]). Diese wird ihm verliehen durch die unbeschreiblich finstere und trotzige Berggestalt des Tribulaun, der seine braunen zerhackten Dolomitwände zwischen dem Pflersch- und Gschnitzthale aufbaut; sowie durch den schönen Feuersteingletscher, der, schon von der Bahn aus sichtbar, von den eisbedeckten Gipfeln der Feuersteine tief in das Thal herabzieht. Der Bergbau, der einst auf silberhaltige Bleierze im Thal betrieben ward und gegen 300 Knappen beschäftigte, ist eingegangen; nur das Eis der Gletscher schimmert noch in Mondnächten silbern aus den Höhen. Gletschersteige führen hinüber nach Stubai, Gschnitz und Ridnaun und in das ferne Ötzthal.

Sterzing. Ridnaunthal.

Von Gossensaß zieht sich Bahn und Straße durch eine enge Schlucht hinab nach Sterzing. Von der Höhe links schauen die Reste der Ruine Straßberg; zur Rechten sieht man ein Meisterwerk der Ingenieurkunst: einen Felsentunnel, den man für den wildschäumenden Eisack brechen mußte, weil der Schienenstrang durch das vormalige Bett des Stromes geleitet ward. Weit öffnet sich dann der sonnige Thalkessel von Sterzing (Abb. [137] u. [138]).