Abb. 155. Bozen, gegen den Rosengarten.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)

Bald zeigt sich ein höchst romantisches Bild: das alte, eng zwischen der Thalwand und dem Strome eingekeilte Städtchen Klausen ([Abb. 144]) und hoch über ihm, auf schwindelnd steiler Felswand, die weithin leuchtenden Fronten und Türme von Kloster Säben, einer der ehrwürdigsten Orte Tirols. Schon vor der römischen Eroberung eine Bergfeste der alten Rhätier, ward es von den Römern Sabiona genannt und vom VIII. bis X. Jahrhundert Sitz der Bischöfe von Säben, bis dieselben ihre Residenz nach Brixen verlegten. Mancherlei römische Denkmale und Funde geben Aufschluß über diese Zeit. Säben kam in ostgotischen und langobardischen Besitz, ward späterhin zu einer trotzigen Ritterburg und seit 1685 zu einem Kloster der Benediktinerinnen. Als 1809 die Franzosen das Kloster einnahmen, warf sich eine der Nonnen, um dem gierigen Feinde zu entrinnen, in den schauerlichen Abgrund; noch zeugt von ihrem Heldensinn ein an einen Turm gemaltes riesiges Kreuz, das ihrem Andenken gewidmet ist. Herrschendes Gestein hier ist Thonschiefer mit Diorit; auf den höheren Wellenplateaus desselben finden sich wohlangebaute Landschaften mit zahlreichen Ansiedelungen, kaum bemerkt von dem Reisenden, der durch die enge Eisackschlucht dahingetragen wird. Auch von den stolzen Ritterburgen, die hoch droben thronen, sieht man nur eine oder die andere; eine der schönsten ist Schloß Feldthurns oder Velthurns mit gediegener Zimmerarchitektur ([Abb. 145]).

Abb. 156. Laubengasse in Bozen.
(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)

Grödener Thal.

Bei Waidbruck ([Abb. 146]) öffnet sich gegen Osten das Grödener Thal, 25 km lang, zum größten Teil von fahrbarer Straße durchzogen. Oberhalb Waidbruck leuchtet der Vogelweidhof ([Abb. 52]) herab, die Heimat Walthers von der Vogelweide. Die Straße ins Grödener Thal führt durch eine finstere Enge von brüchigem Glimmerschiefer und Porphyr; dann aber weitet sich plötzlich das Thal zu einer wohnlichen, herrlich begrünten Sandsteinfläche, auf welcher der Hauptort, Sankt Ulrich ([Abb. 148]), liegt. Die Einwohner des Grödener Thales sprechen ladinisch, aber auch deutsch und bezeichnen ihr Thal mit dem Namen Gardena. Zierliche, reinliche Häuser liegen auf den prächtigen Matten, über welche in imponierender Größe die Dolomite, die den östlichen Thalschluß bilden, hereinragen. Die fleißigen und erfinderischen Grödener warfen sich, da ihr Thal für den Getreidebau wenig geeignet ist, schon im Anfange des XVIII. Jahrhunderts auf die Holzschnitzerei, die heute neben der Spitzenklöppelei einen Haupterwerbszweig bildet (Abb. [34][37]). Weiter einwärts im Thale, überragt von den gigantischen Dolomitwänden des Langkofel ([Abb. 11]), liegt in tiefer Einsamkeit die zerfallene Burg Wolkenstein, einst Sitz des Minnesängers Oswald von Wolkenstein. Zwischen den Felszinnen des Langkofels, dem Grödener Thale, dem Schlern und der Eisackschlucht, liegt die merkwürdige Seiser Alpe ([Abb. 43]), berühmt durch ihre unvergleichlichen Alpenwiesen wie durch die Mannigfaltigkeit ihrer geognostischen Erscheinungen. Ihre Höhe wechselt von 1800–2200 m; sie gehört größtenteils der Gemeinde Kastelruth ([Abb. 147]), welcher sie ein sehr bedeutendes Heuerträgnis liefert. Ihre Wasser fließen teils ins Grödener Thal ab, teils zum Eisack. Südwestlich grenzt sie an den mächtigen Dolomitwall des Schlern (2561 m, [Abb. 8]), der auf seiner Höhe über furchtbar steil abfallenden Wänden ein blütenreiches Grasplateau trägt. Das oberste Ende des Grödener Thales ist einsam und wild ([Abb. 149]); Jochsteige führen von ihm aus durch rätselhafte Felsengassen, an den wechselndsten Landschaftsbildern vorüber, in das Abteithal und in den obersten Teil des Fassathales.

Abb. 157. Denkmal Walthers von der Vogelweide.

Schlern. Eggenthal. Bozen.

Zu einer finsteren Schlucht treten nunmehr die Porphyrwände des Eisackthales zusammen; Leben und Ansiedelung haben sich nach der Höhe hinaufgezogen. In einem kleinen Nebenthale liegt hoch oben Seis ([Abb. 150]) und das kleine Bad Ratzes. Rasch eilen wir an den Stationen Atzwang und Kastelruth und an dem, in luftiger Höhe von der alten Ritterburg Prösels überragten Blumau vorbei. Dann wird die hohle Gasse etwas lichter. Auf schroffem Fels zeigt sich zur Linken droben die Burg Karneid, um deren Fuß die Straße ins Eggenthal ([Abb. 151]) und nach dem jetzt viel besuchten Karersee (Abb. [152] u. [153]) sich windet. Von Blumau zieht sich das Tierser Thal hinauf bis in die Felswände der Rosengartengruppe, wo in einsamer Höhe die wohnliche Grasleitenhütte ([Abb. 158]) den Wanderer aufnimmt. Karneid aber schaut schon hinaus in den herrlichen weiten Thalboden von Bozen; die Bergwände zur Rechten treten ganz zurück; nach Süden und nach Westen hin wird der Ausblick frei; die Landschaft gewinnt mit ihrer reichen Fülle von Sonnenschein, mit ihrer üppigen Pflanzenwelt ein paradiesisches Gepräge; und vor uns liegen in einem weiten, blühenden Garten die Häusermassen und Türme von Bozen (Abb. [154] bis [157]).