Bozen, mit 12000 Einwohnern, ist in den Winkel, den der Eisack und der Talferbach zusammenfließend bilden, gebaut. Durch die Eisackschlucht sieht man im Osten die Dolomitgestalt des Rosengarten aufragen; den Westhorizont verschließt der lang gestreckte Rücken der Mendel; nach Süden geht der Ausblick ungehindert durch das Etschthal hinaus; im Norden liegt die wellenförmige Landschaft des Sarnthales. Die ganze Lage der Stadt ist wunderbar geschützt gegen die Rauheiten des Alpenklimas.
Abb. 158. Grasleitenhütte, gegen den Kesselkogel.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Abb. 159. Erdpyramiden am Ritten.
(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)
Ritten. Gries. Sarnthal.
Bozen war schon römische Niederlassung; nach kurzer Herrschaft der Ostgoten und Langobarden war es bayerische Grenzfeste; dann lange Zeit ein Zankapfel zwischen den Trientiner Bischöfen und den Tiroler Rittergeschlechtern, bis es den Grafen von Tirol gelang, sie dauernd an sich zu reißen. Früh zur wohlhabenden Handelsstadt aufgeblüht, hat Bozen diese Stellung sich zu erhalten und zu befestigen gewußt. Die Häuser und Straßen der Stadt zeugen von Wohlstand, Geschmack und Sinn für Behaglichkeit; die Hauptstraße ist von belebten Bogengängen (Lauben) gesäumt, in denen die Kaufläden sich befinden; durch die älteren Straßen laufen Gräben mit fließendem Wasser. Sehenswert sind die alte gotische Pfarrkirche, einige prächtige Privatgärten; in der Umgebung der aussichtreiche Kalvarienberg. Überaus reich und mannigfaltig ist die Landschaft um Bozen. Nordöstlich erstreckt sich eine mit vielen Gehöften und Sommerfrischorten besetzte wellige Berglandschaft, der Ritten genannt ([Abb. 159]), wo die schönen Ortschaften Oberbozen und Klobenstein den Bozenern während der heißesten Jahreszeit zum Aufenthalte dienen. Jenseits der Talfer, unmittelbar an Bozen anstoßend, bietet der berühmte Kurort Gries den Kranken einen milden, sonnigen Aufenthalt. Auch im Nordwesten lagert eine freundliche Hügellandschaft, wo die Ortschaft Jenesien einen ähnlichen Charakter hat wie Oberbozen. Zwischen dem Ritten und den Hügeln von Jenesien strömt der Talferbach aus dem gerade nordwärts sich hinaufziehenden Sarnthal hervor. In diesem, elf Stunden (35 km) langen Thale verliert sich, namentlich in seinem unteren Teile, den Charakter der Hochgebirgslandschaft völlig. Es bildet eine abgeschlossene Welt, die eigentliche Mitte von Tirol, mit charakteristischer, durchaus deutscher Bevölkerung. Zahlreiche Burgen schmücken das Thal; der ganze Zauber mittelalterlicher Romantik durchweht heute noch die Mauern von Runkelstein ([Abb. 160]). Hauptort des Thales ist Sarnthein. Aus den obersten Thalgründen führen nur mehr Jochsteige westwärts in das Passeier, ostwärts nach Sterzing. Herrschende Gesteinsarten sind im Süden der Sarnthaler Berge der rote Porphyr; nördlicher folgen Glimmerschiefer und Gneis.
Abb. 160. Schloß Runkelstein.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)