Wir wenden uns wieder ins Herz von Tirol zurück, nach Brixen. Es gilt, jenen großen Felsspalt kennen zu lernen, der ganz Osttirol in eine nördliche und eine südliche Hälfte scheidet: das Pusterthal.

Pusterthal.

Das Pusterthal besteht aus einem breiten, gerade in westöstlicher Richtung verlaufenden Einschnitt, dessen Sohle ihre höchste Erhebung im Toblacher Felde erreicht, von dem die Drau nach Osten, die Rienz nach Westen abläuft. Die Gebirgsarten des Thales sind an seiner Nordseite Granit und Schiefer; an der Südseite Thonschiefer, hinter dem die Dolomitberge aufragen, die an ein paar Stellen, beim Toblacher Feld und bei der Lienzer Klause, bis an das Thal heraustreten.

Abb. 161. Taufers-Sand.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)

Eine römische Heerstraße führte auch durch Pusterthal und verband Aquileja mit den norischen Ortschaften Loncium (Lienz) und Aguntum (Innichen). Heute ist die Bevölkerung des Thales deutsch; nur in dem großen südlichen Seitenthale Enneberg wird ladinisch gesprochen und im Flußgebiet der Drau erinnern vereinzelte Berg- und Wassernamen an die verdrängte slavische Bevölkerung. Das Klima ist bei der hohen Lage des Pusterthales ein fast rauhes; trotzdem haben Fleiß und Mäßigkeit den Pusterthalern zu ausreichendem Wohlstand verholfen; und in der Geschichte der Tiroler Heldenkämpfe stehen sie mit in erster Reihe.

Der moderne Weltverkehr strömt ins Pusterthal von der Station Franzensfeste an der Brennerbahn. Hier zweigt die Pusterthalbahn ab, indem sie, den Eisack auf luftiger Brücke überschreitend, nach Osten hin abbiegt, den Höhenzug, der vom untersten Laufe der Rienz den Eisack trennt, durchschneidet und den ersten Pusterthaler Ort Mühlbach erreicht. Der dem Pusterthal entfließende Bergstrom, die Rienz, mündet südlicher, bei Brixen, in den Eisack; sein unterster Lauf ist aber unwegsam. Die erste Ortschaft thaleinwärts ist Mühlbach, an der Mündung des granitischen Seitenthales Vals. Bis hierher reicht noch der Weinbau. Auf der gegenüber liegenden Seite des Rienzthales baut sich der Rodenecker Berg mit seinen Getreidefluren, die ihm den Namen des „Goldenen Berges“ verschafft haben, auf; an seinem äußersten Vorsprunge gegen die Rienzschlucht trägt er die stattliche Burg Rodeneck. Hat man, von Mühlbach thaleinwärts, die Engen der Mühlbacher Klause überwunden, so zeigt sich in einer Thalerweiterung Station und Dorf Vintl. Hier kommt das Pfundersthal von Norden herab, aus dessen einsamen Schluchten selten begangene Jochsteige nach dem Pfitscher- und Ahrnthale führen. Angesichts der Burgruine Baumgarten, des Schlosses Ehrenberg und der Trümmer von Sonnenburg zieht die Bahnlinie nach dem Marktflecken Lorenzen, wo einst das römische Litanum lag.

Abb. 162. Bruneck.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)

Gaderthal.