Südlich von Lorenzen öffnet sich eine schmale Bergpforte, aus welcher ein Bach, die Gader, strömt. Ein weit verzweigtes System von Thälern liegt hinter diesem unscheinbaren Eingang. Wir müssen dieses Thalsystem kennen lernen; denn seine Verzweigungen führen uns tief ins Innere jener merkwürdigen Bergwelt, die man als die südtiroler Dolomite bezeichnet.
Abb. 163. Bergführer Joh. Niederwieser (Stabeler-Hansl) in Taufers.
(Liebhaberaufnahme von Gustav Schulze in Leipzig.)
Das Gaderthal erstreckt sich, etwa 30 km lang, gerade nach Süden, anfangs in einer Enge zwischen Glimmerschieferbergen. Dann spaltet sich das Thal in zwei Äste. Von diesen heißt der nach Südosten führende Enneberg, mit dem Hauptort Sankt Vigil, in reizvoller Lage. Hier wird schon überall die grüne Mattenlandschaft von mächtigen steil aufgerichteten Dolomitzacken überragt. Der Boden um Sankt Vigil ist ein gefährlicher; verheerende Bergstürze haben hier mehrmals gehaust. Noch höher oben führt dieser Thalast den Namen Rauhthal; die Ortschaften hören auf; vereinsamte Fußsteige nur führen durch ausgedehnte Weidegebiete nach den Paßhöhen, über welche man ins Pragser und Ampezzothal gelangt.
Viel bedeutender und belebter ist der gerade nach Süden sich erstreckende Hauptast des Gaderthales. Wandern wir in ihm aufwärts, so gelangen wir allmählich aus der Region des Glimmerschiefers in die des Dolomits, der uns in der imponierenden Gestalt des Peitlerkofels begrüßt. Das Thal führt in seinem weiteren Verlaufe den Namen Abteithal. An den Ortschaften Picolein und Sankt Martin mit der Burg Thurn, an die sich blutige Erinnerungen aus der Zeit des Faustrechtes knüpfen, führt die Straße vorbei. Kurze Seitenthäler öffnen sich zur Rechten und zur Linken der Straße; am spärlichen Häuserhaufen von Pederoa vorüber zieht sich diese bis zum Hauptorte des Thales, Sankt Leonhard, auch Abtei oder, mit italienischem Namen, Badia genannt. Mit lotrechten Wänden hängt der Kreuzkofel über die grüne Thalfläche herein. Überaus reich ist die Kalk- und Sandsteinkruste der Erde hier an Versteinerungen. Noch zwei Stunden über dem Dorfe, unter den Schroffen des Kreuzkofels, liegt die Wallfahrtskirche Heiligkreuz (2038 m). In dieser Wildnis büßte ein Graf Otwin von Pusterthal einst seine Sünden als Eremit. Bald hinter Sankt Leonhard spaltet sich das Thal abermals. Nach Südosten zweigt sich der versteinerungsreiche Thalast von Sankt Cassian ab, von wo höchst interessante und eigenartige Jochübergänge nach der Ampezzaner Straße und nach Buchenstein führen. Im Hauptthale dagegen läuft das Sträßchen stets ansteigend nach den obersten Ortschaften Corvara und Colfuschg (1643 m). Hier ist man in einem der innersten Heiligtümer der Dolomitgebirge. Trotz der hohen Lage wird noch Getreide gebaut; lohnender ist die Viehzucht auf den prächtigen Alpenmatten. Den großartigen Thalschluß des obersten Gaderthales bildet der ausgedehnte Felsenbau der Sellagruppe (vgl. [Abb. 10]), die in der Boëspitze (3152 m) gipfelt. Durch die märchenhaften und einsamen Trümmergassen dieser unbegreiflichen, farbenreichen und formenschönen, versteinerten Welt führen, auf- und niedersteigend, halb verlorene Wege nach Buchenstein, Fassa und Gröden. Wer einen dieser Wege geht, der erstaunt über die Mannigfaltigkeit der Bilder, die sich da erschließen; über diese, wie aus der grünen Thalwelt hervorgezauberten, in allen Farben leuchtenden Felspaläste, deren jeder für sich der Sitz eines Reiches von Berggeistern zu sein scheint.
Abb. 164. Kletterei am hinteren Umbalthörl.
(Liebhaberaufnahme von Gustav Schulze in Leipzig.)
Bruneck. Ahrnthal.
Lassen wir uns von diesen Geistern wieder nach dem Norden zurückversetzen ins kühle, grüne Pusterthal. Die Bahn führt uns eine Station weiter nach Bruneck ([Abb. 162]), mit seinem ragenden Schlosse, das, einst durch die Macht der Brixener Bischöfe erbaut, jetzt als Gefängnis dient. Die Landschaft hier ist weit, offen, gut angebaut; Edelsitze liegen um die Stadt, in deren Umgebung der Tiroler Aufstand des Jahres 1809 ausbrach und erlosch.