Unmerklich hebt sich die Sohle des Pusterthales höher und höher; die Bahn berührt noch den stattlichen Markt Niederdorf ([Abb. 167]) und erreicht endlich bei der Station Toblach ([Abb. 168]) auf dem Toblacher Felde die Wasserscheide zwischen Drau und Etsch (1204 m). Hier, wo von Süden her die Kalkberge mit ihren gewaltigen Stirnwänden bis ins Pusterthal hervortreten, klafft ein für den Völkerverkehr wichtiger Spalt des Gebirges im Süden auf, durch den der Ampezzaner Straßenzug nach Italien leitet. Hier war es auch, wo im VII. Jahrhundert die deutsche Schwertgewalt entschied, daß Tirol nicht den eingedrungenen Südslaven gehören sollte, sondern den Einwanderern bajuwarischen Stammes. Und nicht bloß über Tirol fiel damals die Entscheidung, auch über Kärnten und Steiermark. Denn mit jenem Siege begann das Zurückdrängen der Slaven.
Ein riesiges modernes Hotel steht breit am Zugang zur Ampezzaner Straße. Wir müssen, ehe wir die Fahrt durch das Pusterthal fortsetzen, auch diesen Straßenzug kennen lernen; denn er führt uns in das Quellgebiet der Rienz hinauf. Dieses Thal ist ganz anders geartet als die meisten anderen Tiroler Thäler. So trotzig und gewaltig auch die steilsten Felsberge gleich an seinem Eingang aufragen: sein Hintergrund ist nicht durch Gletscher oder Felskämme verschlossen, sondern offen, und über eine niedrige Wasserscheide führt eine ausgezeichnete Straße in die italienischen Gefilde. Dieser Thalspalt ist, von Toblach bis zur italienischen Grenze, 37 km lang und weist in stetem Wechsel eine Reihe der großartigsten Landschaftsbilder auf. Zunächst dem Pusterthale führt er den Namen Höhlensteinerthal. Hier durchfließt die Rienz den ernsten, dunkelgrünen Toblacher See. Kaum merkbar steigt die Straße an bis zum Posthause von Höhlenstein, italienisch Landro. Nach Südosten öffnet sich die Rimbiancoschlucht, durch welche die „Schwarze Rienz“ herabstürzt. Im Hintergrunde dieser schattigen Enge erscheinen, wie ein Märchengebilde, die „Drei Zinnen“. Eine der merkwürdigsten Schöpfungen dieser Kalkwelt, 3003 m hoch, sind sie mit ihren turmartigen Formen zu einem der bekanntesten Landschaftsbilder der ganzen Alpen geworden ([Abb. 15]). Gleich hinter Höhlenstein zeigt sich dann in der Thaltiefe der manchmal während der Herbstzeit völlig austrocknende hellgrüne Dürrensee, in dem der schöne Monte Cristallo mit seinem Gletscher und seinen Zacken sich spiegelt (3199 m, [Abb. 14]). Eine halbe Stunde weiter erreicht die Straße die wenigen Häuser von Schluderbach, einer der berühmtesten Sommerfrischen Tirols, in prachtvoller Lage, und steigt dann noch 2 km sacht an bis zur Wasserscheide „auf dem Gemärk“ (1544 m). Von hier ab fließen die Gewässer zur Piave, nach Süden. Ueber das schön gelegene Ospitale erreicht die Straße den Felsen des gänzlich zertrümmerten Schlosses Peutelstein, steigt in Windungen in die Thaltiefe und wendet sich dann südlich, wo sich allmählich der prachtvolle Thalkessel von Cortina d’Ampezzo ([Abb. 169]) erschließt. Aber dieser nach dem Venetianischen gewandten Abdachung der Tiroler Alpen soll an anderer Stelle noch ausführlicher gedacht werden. Wir wenden uns zurück zur Wasserscheide des Toblacher Feldes, um den letzten Teil des Pusterthales, soweit es zu Tirol gehört, kennen zu lernen.
Abb. 174. Simonyspitzen, Groß-Venediger und Groß-Glockner; von der Dreiherrnspitze gesehen.
(Nach einer Liebhaberaufnahme von Gustav Schulze in Leipzig.)
Innichen.
Auf dem Toblacher Felde, wo dasselbe schon gegen Osten sich neigt, entspringt die Drau aus einem Felsen des Rohrwalds. Ihr Lauf geht nach Osten; wir folgen ihm und gelangen zunächst nach Innichen ([Abb. 171]). Hier thut sich im Süden das Thal von Sexten auf, nicht bloß durch seine Heilquellen (Schwefelwasser und anderes) bekannt, sondern auch durch die riesigen Kalkschroffen, welche seinen Hintergrund bilden, und in deren Felsenburgen begrünte Thäler führen; darunter besonders schön das Fischeleinthal ([Abb. 170]). Unter ihnen nimmt die Dreischusterspitze (3162 m) die erste Stelle ein. Innichen selber, einst Pflanzstadt der Römer, ist ein alter und ehrwürdiger Platz, schon zur Zeit des Frankenreiches wichtiges Bollwerk gegen die südslavischen Wanderhorden. Seine Handelsbedeutung hat es freilich schon lange verloren.
Abb. 175. Kals.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Abb. 176. Schloß Sigmundskron.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)