Abb. 179. Hôtel am Mendelpaß.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Das Hauptthal der Isel, nunmehr Virgenthal genannt, wendet sich von Matrei an gegen Westen. Auf kaum mehr fahrbarem Wege erreicht man hier noch das schlichte Alpendorf Prägraten und damit den letzten Ort im Iselthal. Vergletscherte Übergänge führen von hier noch ins Ahrnthal oder über das Massiv des Venedigers in den Pinzgau.
Groß-Glockner. Etschthal.
Das Iselthal hat ein nach Norden abzweigendes Seitenthal, das uns noch zu einem anderen großartigen Grenzsteine Tirols leitet: das Thal von Kals. Hier liegt Kals (1322 m, [Abb. 175]), eines der berühmtesten Hochgebirgsdörfer, am Fuße des Großglockners. Nicht leicht mag man das Leben und Volkstum eines Tiroler Hochgebirgsdorfes schärfer ausgeprägt finden, als in den schlichten Hütten von Kals, hinter deren Mauern doch so athletische und kühne Männer wachsen können, wie es die Kalser Führer sind. Scharf und mit zerrissenen Gräten, an allen Seiten von steil abfallenden Gletschern umhangen, hebt sich der gewaltige Bau des Glockners (3798 m, [Abb. 1]) über die grünen Matten von Kals empor. Aber die Begeisterung der Alpenfreunde hat auch seine wilden Höhen gangbar gemacht. So hoch überragt sein scharfes Gipfelhorn die ganzen Ostalpen, daß seine Rundschau von der Berninagruppe bis zum Triglav und vom Böhmerwalde bis zur Adria reicht. Dafür hat auch mehr als einer von denen, die ihre Kraft an ihm versuchten, hier einen jähen Bergtod gefunden. Aber man muß nicht einmal auf den Glockner steigen, um dieser Gefahr ins starre Auge zu schauen; auch um die Tauernpässe, die über seine Schultern führen, geistern die Schatten Verunglückter durch die eisigen Höhen.
Abb. 180. Trient in der Mitte des XVI. Jahrhunderts.
(Nach dem gleichzeitigen Stich von Braun & Hogenberg.)
XII.
Etschthal von Bozen bis Verona.
Breit und großartig wird das Etschthal von Bozen abwärts, bis zu den Engen der Veroneser Klause, wo es Tirol verläßt: ein fruchtbarer, von prächtigen Bergen umgebener Thalgrund mit zahllosen Ortschaften, einzelnen Häusern, Kirchtürmen und alten Schlössern (Abb. [176] u. [177]). Die Berge zeigen nur mehr spärliche Waldbedeckung; schärfer und plastischer kommen ihre Formen zum Vorschein, als im Norden. Die Ebene, streckenweise versumpft, weist zwar die Spuren verheerender Überschwemmungen auf; ist aber dort, wo sie dagegen geschützt war, mit üppiger Pflanzenpracht bedeckt. Die Farben des Etschthals sind heiß und feurig: rötlich und gelblich schimmernde Bergwände mit tiefblauen Schatten. Die Gesteinsart ist noch bis gegen Neumarkt hin der rote Porphyr mit seinen grün bewachsenen rundlichen Kuppen und Schwellungen; aus ihm ragt an der Westseite das lang gestreckte Dolomitgerüst der Mendel empor. Auf dieser Strecke des Etschthales vernimmt der Reisende mehr und mehr italienische Laute; wir nähern uns der Sprachgrenze; die Tiroler Tracht verschwindet; an die Stelle des Holzbaues treten steinerne Häuser, an die des rauschenden Bergwalds niedriges Gestrüpp; statt der Wiesen und Getreidefelder sehen wir in der Tiefe Mais- und Maulbeerpflanzungen; alles verwelscht sich.
Abb. 181. Trient.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)