Überetsch. Mendel.

Das Thal ist so breit, daß sich zwischen seinem östlichen und westlichen Hang ein niedriges Mittelgebirg hineinlegen konnte, aus Porphyr bestehend, welches eine Hochebene trägt. So haben wir von Bozen bis zu dem 23 km entfernten Neumarkt einen doppelten Weg zur Auswahl: entweder den östlichen, der uns mit der Bahn durch das breite, von Kanälen durchschnittene Etschthal führt, oder einen westlicheren, wo eine schöne Straße über die Hochfläche von Eppan oder Kaltern zieht, welch’ letztere auch „Überetsch“ genannt wird. Dieser westliche Weg ist der interessantere. Die nördliche Ecke des im Etschthale liegenden Mittelgebirgs ist von der stolzen Feste Sigmundskron geschmückt, die von umbuschter Höhe ins Etschthal niederschaut. Hier stand schon eine Römerburg, Formicaria genannt; Sigmundskron ist die großartigste Ruine Tirols. An Sankt Pauls vorüber wendet sich die Straße auf der Hochfläche nach Sankt Michael oder Eppan. Die prachtvoll gelegene Ruine Hohen-Eppan, einst Sitz eines der mächtigsten Tiroler Adelsgeschlechter, liegt etwas seitab. In Eppan zweigt eine der schönsten neueren Kunststraßen ab: die Mendelstraße ([Abb. 178]). Sie steigt in vielen Windungen, mit glanzvollen Aussichtspunkten am steilen Ostabfall des Mendelgebirgs empor bis zur Höhe des Mendelpasses (1360 m). Köstliche, leicht erreichbare Aussichtspunkte haben den Mendelpaß und sein vorzügliches Hotel zu einer internationalen Berühmtheit erhoben ([Abb. 179]). Hier droben auf der sonnigen Höhe ist auch die Sprachgrenze; das jenseits absteigende Thal des Nonsbaches ist welsch.

Abb. 182. Dom zu Trient.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)

Abb. 183. Rovereto.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)

Etschthal. Trient.

Von Eppan gelangt man durch prächtige weinreiche Landschaft, die von teils erhaltenen, teils zerfallenen Burgen überragt und mit üppigen Kastanienwäldern geschmückt ist, nach Kaltern. Dabei überall lachende Zeugen des hiesigen Wohlstandes und entzückende landschaftliche Ausblicke. Unter Kaltern liegt das heitere Becken des Kalterer Sees, an dessen Ufern der edelste Tirolerwein wächst. Mit ihm vergleichbar ist nur der benachbarte von Tramin, das schon wieder in der Tiefe des Etschthals, am Abhang des Mendelgebirges sich zwischen seinen Rebengeländen ausbreitet. Aus Tramin gelangt man wieder durch die Etschebene nach der Bahn bei Neumarkt. Hier ist der Charakter der deutschen Ortschaft schon stark mit italienischen Elementen durchsetzt; eine höchst malerische Kunststraße zieht sich von Neumarkt in vielen Windungen, mit einer bis zum Ortler reichenden Rundsicht, nach einer Paßhöhe hinauf und von dort in das Thal des Avisio hinab. Die letzte deutsche Ortschaft am Ostufer der Etsch ist Salurn, 31 km von Bozen. Am westlichen Ufer reicht die deutsche Sprachgrenze etwas weiter nach Süden, bis nach Deutschmetz. das die Italiener Mezzo Tedesco nennen.

Abb. 184. Cavalese.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)