Die Bahn überschreitet den Nonsbach und dann die Etsch; bei San Michele ist sie schon in Welschtirol. Dann übersetzt sie bei Lavis den Avisio, der aus dem Fleimser- und Fassathal hervorströmt. Ortschaften und Menschen tragen hier schon die bezeichnenden Züge des Italienertums. Die Häuser sind hoch, steinern, aber schmutzig und verwahrlost und deshalb malerisch; zerlumpt und schäbig, aber lebhaft und intelligent sehen die Einwohner aus.

Durch das fruchtbare, mit Maulbeerbäumen und Reben bepflanzte Etschthal trägt uns im Fluge der Wagenzug dahin, während von den Berghängen zahlreiche Kirchen, Schlösser und Landhäuser schimmern. Dann sehen wir vor uns das ganze Thal von Häusermassen erfüllt, aus denen eine hohe Domkuppel und ein mächtiger Kastellbau emporragen: wir sind in Trient, der uralten Römer- und Bischofstadt (Abb. [180] bis [182]).

Abb. 185. Predazzo.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)

Trient.

Trient, italienisch Trento, das mittelalterliche Tridentum, mit 21600 Einwohnern, liegt am linken Ufer der Etsch, in gartenähnlicher Landschaft. Wohl zeigt auch sie jene Spuren des Verfalls, die den meisten Städten italienischer Nation eigen sind; aber die vielen Türme und Paläste, die breiten gut gehaltenen Straßen machen doch einen stattlichen Eindruck. Die Stadt, die schon von den römischen Geographen genannt wird, soll etruskischen Ursprung haben und hat eine reiche Geschichte hinter sich. Auf die Herrschaft der alten Rhätier folgte hier jene der Römer; Theodorich der Große baute die Mauern der Stadt; um sie kämpften Goten, Langobarden und Franken, Trientiner und Venetianer. Hohes politisches Ansehen verschaffte der Stadt das in den Jahren 1545–1563 hier abgehaltene Tridentinische Konzil. Ehrwürdig ist der romanische Dom, an dessen mächtigem Bau durch vier Jahrhunderte gearbeitet ward, mit dem Grabmal des venetianischen Feldherrn Sanseverino, den die Trientiner in der Schlacht bei Calliano erschlugen; berühmt auch die Konzilskirche Santa Maria Maggiore mit einem großartigen Orgelwerk, dessen Meister nach der Vollendung geblendet worden sein soll, damit die Orgel einzig in ihrer Art bliebe. In der Peterskirche wird die Mumie eines heiligen Knaben, San Simonin gezeigt, der von Juden geschlachtet worden sein soll. Das hervorragendste weltliche Gebäude ist das Schloß Buon Consiglio; vormals fürstbischöfliche Residenz, jetzt Kaserne, überragt es mit feudalem Trotz die Stadt und die Landschaft. Aber auch in den Gassen selber ist mancher schöne alte Palast von aus langobardischen Geschlechtern abstammenden Trientiner Adelsfamilien eingebaut. Ein riesiger runder Turm soll römischen Ursprungs sein. Das heutige Trient ist immer noch eine wohlhabende Stadt, unter deren Gewerben die Gewinnung und Verarbeitung des berühmten Trientiner Marmors wohl in erster Linie genannt werden muß; daneben Zucker- und Branntweinindustrie. Vieles von dem, was als „Veroneser Salami“ in die Welt geht, hat seinen Ursprung in Trient. Eine östliche Straße führt von hier ins Valsugana (s. [XIII]); eine westliche über das Gebirge nach dem Tobliner See und dem Sarcathale (s. [XIV]).

Abb. 186. Campitello.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)

Von Trient thalabwärts heißt die Landschaft Val Lagarina (Lägerthal), die Etsch Adige. Bahn und Straße halten sich am linken Ufer des nun schiffbar gewordenen Stromes; die jurassischen Bergwände erscheinen größtenteils kahl. Über dem viel umkämpften Calliano erscheint am Berghang Schloß Beseno; in der Nähe die Riesentrümmer eines Bergsturzes. Der Höhenzug an der Westseite des Etschthales ist der durch seine außerordentlich reiche Flora berühmte „Garten Abrahams“; an seinem Fußgestell grüßen die Trümmer der Burg Nomi herüber; weiter Pomarolo mit dem ansehnlichen Schloß Castelbarco. Dann hält der Wagenzug in Rovereto.