Abb. 187. Perra, gegen die Vajolet-Türme.
(Liebhaberaufnahme von Gust. Schulze in Leipzig.)
Rovereto.
Rovereto (Roveredo), ein lebhaftes Städtchen, mit 9000 Einwohnern, liegt am linken Etschufer in einer Thalweitung, an der Mündung des Lenothals ([Abb. 183]). Es ward nach dem Ende der Römerherrschaft Eigentum der Herren von Castelbarco; dann lange Zeit ein Zankapfel zwischen den Herrschern von Tirol und der venetianischen Republik. Im XVI. Jahrhundert wurde hier der Grund zur Südtiroler Seidenindustrie gelegt, deren Mittelpunkt jetzt Rovereto ist. Die von einem alten Kastell überragte Stadt enthält schöne Plätze mit plätschernden Brunnen und Palästen; an den Einwohnern von Rovereto rühmt man Eleganz der Sprache, Bildung und Liebenswürdigkeit. Die Umgebung ist eine üppige gartenähnliche Landschaft, aus deren Rebengeländen alte Burgen schauen. Zwischen dem helleren Grün der Weingärten, Maulbeerpflanzungen und Maisfelder zeigen sich schon ernst und dunkel vereinzelte schlanke Cypressen.
Die Bahn, immer am linken Etschufer bleibend, eilt weiter nach Mori, wo im Westen sich jener merkwürdige Thalspalt aufthut, durch den am einsamen Loppiosee vorüber die Straße und eine Zweigbahn nach dem Thale des Gardasees führen. Dann folgt San Marco mit den schauerlichen Resten jenes Bergsturzes, von welchen Dante im zwölften Gesang seiner Hölle sagt:
„Dem Erdfall bei Trient gleich, der die Bahn
Der Etsch von einer Seite zugeschoben“ ...
Auf Schloß Lizzana bei San Marco verweilte Dante während seiner Verbannung aus Florenz; den gewaltigen Eindruck, den jene Landschaft auf den Dichter machte, hört man noch aus seiner großartigen Dichtung erklingen. Wahrscheinlich geschah der Bergsturz im Jahre 883; er soll eine ganze Stadt verschüttet haben.
Wir nähern uns der Grenze Tirols. Im Fluge noch folgt die zertrümmerte Sperrfeste Serravalle, dann noch das malerische Städtchen Ala, berühmt durch eine lebhafte Sammetindustrie. Die letzte österreichische Ortschaft ist Avio. Dann überschreitet die Bahn die italienische Grenze; die Thalwände senken sich, treten näher zusammen und bilden eine lange gewundene Felsengasse mit Steilwänden. Neben dem mächtig schäumenden Bergstrom windet sich die Bahn entlang: wir sind in der berühmten, seit grauen Tagen so oft umkämpften Veroneser Klause. Immer niedriger werden die Bergwände; plötzlich wird es licht und blau überall; der Bahnzug braust hinaus in offenes Hügelland. Wir haben die Alpen hinter uns; vor uns aber liegt mit seinen üppigen Gärten und gewaltigen Mauern das ehrwürdige Verona, die Stadt des Ostgotenkönigs Dietrich von Bern.
XIII.
Die südlichen Thäler der Dolomit-Alpen.
Eine Reihe von Landschaften des Tirolerlandes unterscheidet sich geographisch und ethnographisch von den bisher kennen gelernten. Es sind jene Thäler, welche von ihrem Ursprung an nach Süden zu sich abdachen, der Osthälfte Tirols angehören und eine fast durchgängig romanische Bevölkerung haben. Zuflüsse der Etsch, der Brenta und der Piave sind es, welche aus diesen Thälern abströmen. Die Besiedelung dieser Thäler hat von Süden her stattgefunden; ihre Bevölkerung ist teils altromanisch, teils italienisch; nur in den nördlichsten Ausläufern mit deutschen Elementen durchsetzt.