Abb. 194. Limone (Gardasee).
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Das Fleimserthal wird von Predazzo aufwärts etwas enger und düsterer; in stundenweiten Entfernungen folgen die Ortschaften Forno und Moëna. Bei letzterer fängt das Thal an, den Namen Fassathal zu führen. Moëna ist wichtiger Knotenpunkt; ein Saumweg führt von hier westwärts über den Karerpaß (1758 m) zu dem jetzt vielgenannten Karersee, von wo durch das Eggenthal die Straße nach Bozen hinabläuft. Ein streckenweit zur Not fahrbares Sträßchen zieht sich ostwärts durch das Pellegrinothal bis zur Grenze Italiens. Das Fassathal selber ist im Westen überragt von den turmförmigen Dolomitzacken des Rosengartens, jenes märchenhaften Gebirgsstocks, in dessen Zaubergeheg der Sage nach einst Dietrich von Bern den Zwergkönig Laurin einfing. Klettergeübte Bergwanderer mögen wohl über einen der Rosengartenpässe hinübersteigen ins Tierserthal, das nach Blumau zum Eisack hinuntersteigt. Wer im Fassathale bleibt, erwandert noch die Orte Vigo und Perra ([Abb. 187]). Hier erschließt sich zur Rechten das kurze Monzonithal, in dessen trümmerreichem Felsenamphitheater die Natur eine Fülle verschiedenartiger Mineralien ausgeschüttet hat: Feldspatkrystalle und Turmaline, grüne Hornblende und braune Granaten und anderes mehr. Landschaftlich überaus reizvoll ist Campitello, der letzte größere Ort im Fassathale ([Abb. 186]). Ein prächtiger Ort für den Bergwanderer; die interessantesten Jochsteige führen von hier nach allen Seiten. Das Fassathal wendet sich nun nach Osten. Es folgen noch die kleinen Ortschaften Gries, Canazei, Alba und Penia; dann steigen wir an den obersten Quellbächen des Avisio hinauf in das grüne Hochthal von Fedaja, wo ein schweigsamer kleiner Hochsee liegt, gerade unter dem blinkenden Eisfelde der Marmolada (3360 m, [Abb. 12]), die als Königin der Dolomitberge unmittelbar über uns sich erhebt. Wer kniefest ist und schwindelfrei, mag wohl von dem Alpenwirtshause zu Fedaja aus die fünfstündige Wanderung antreten über den Gletscher und die Dolomitwände der Marmolada zu ihrem schneebedeckten Gipfel. Hier steht er auf einem der stolzesten Grenzpfeiler zwischen Tirol und Italien.
Abb. 195. Riva (Gardasee).
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Buchenstein. Cortina. Valsugana.
Wer aus diesem obersten Quellgebiet des Avisio nach dem östlich benachbarten Thale Buchenstein oder Livinallongo will, findet den schönsten Weg vom Fedajapaß durch ein Stück Italien. Drei Stunden wandert er vom Fedajapaß durch die Schlucht von Sottoguda bis in das oberste Thal des Cordevole, eines Zuflusses der Piave. Auf italienischem Gebiete ist durch einen Bergsturz 1772 der von mächtigen Felswänden umrahmte Alleghe-See entstanden ([Abb. 188]). Bei dem prachtvoll gelegenen Caprile ([Abb. 191]) erreicht der Wanderer wieder den Boden von Tirol. Durch ein furchtbares Trümmerfeld zieht sich der Pfad am Cordevole thalaufwärts in das Gebiet der obersten Quellbäche dieses Flusses. Dieses Gebiet besteht aus zwei auseinander gabelnden Thälern, führt den deutschen Namen Buchenstein und zeichnet sich, wie alle Hochthäler in den Dolomiten, durch merkwürdige Bodengestaltung aus. In dem nordwestlichen der beiden Buchensteiner Thäler liegt als Hauptort Pieve di Livinallongo (1475 m), von wo Jochsteige zum Fedajapaß, nach Gröden und in das oberste Abteithal ziehen. Im nordöstlichen Thalaste liegt die Ortschaft Andraz, höher droben noch das alte Kastell Andraz, das der Bergwanderer berührt, wenn er eine der hoch interessanten Paßhöhen überschreiten will, über die man aus dem grünen wohlangebauten Buchenstein nach dem Abteithale oder ostwärts nach Ampezzo gelangt. Es ist wohl eine der eigenartigsten Bergwanderungen, die aus Buchenstein durch den Falzaregopaß in den sonnigen Thalkessel von Cortina d’Ampezzo gemacht werden kann.
Cortina, dessen deutscher Name, Heiden, fast völlig verklungen ist, ist mit seinen 800 Einwohnern nicht bloß einer der malerischsten, sondern auch wohlhabendsten Orte Tirols (Abb. [169] u. [189]). Wir haben ihn schon von anderer Seite her, aus dem Pusterthale erreicht. Die italienische Bevölkerung, die ihren Wohlstand hauptsächlich dem Holzhandel aus dem Pusterthal nach Venedig verdankt, ist ausreichend mit deutschen Elementen durchsetzt, um es auch dem Deutschen hier behaglich werden zu lassen. Riesenhafte, kühn geformte Berge umragen das Thal: der Monte Cristallo (3199 m); der Piz Popena (3143 m); die Tofanaspitzen (3241 m); die Sorapiß (3229 m) und der Antelao (3264 m), beide weithin sichtbar und sich spiegelnd im kleinen Misurina-See ([Abb. 190]). All’ diese mächtigen Kalkschroffen tragen kleine Gletscher; westlich von Cortina baut sich der unvergletscherte, aussichtreiche Nuvolau (2578 m) empor. Die Wege, die von Cortina nach Osten und nach Süden laufen, haben wir nicht mehr zu betreten; denn sie überschreiten nach wenigen Stunden schon die Grenze Italiens.
Versetzen wir uns zurück nach Trient. Es gilt, auch in die südlichsten Thäler von Osttirol noch einen Blick zu werfen.
Von Trient aus öffnet sich nach Osten das Valsugana. Durch den Schlund, welchen sich hier der Fersinabach in die Thalwand genagt hat, zieht ein kühner Straßenbau aufwärts nach Pergine. Von hier steigt das Fersinathal noch stundenweit ins Gebirge aufwärts, bemerkenswert durch einige deutsche Gemeinden, die sich hier mitten in einer italienischen Bevölkerung erhalten haben: Bruchstücke von Völkerschaften, deren Abstammung man heute nicht mehr zu enträtseln vermag. Die Gegend um Pergine ist heiter, wohlangebaut, von Rebengärten, Nußbäumen und Kastanienwäldern geschmückt. Das Valsugana wendet sich von hier gerade nach Süden und berührt, wie all’ diese Landschaften, recht mannigfache Bildungen der Erdrinde. Südlich von Pergine liegt der reizvollste landschaftliche Schmuck des Valsugana: zwei, durch einen Hügel getrennte Seebecken, der See von Caldonazzo und der von Levico. Ersterer wird als Quelle der Brenta angesehen. Südlich von diesem reizenden Seethal baut sich, zum Teil noch in Tirol, zum Teile schon in Italien, ein ausgedehntes bergiges Grenzgebirg empor, in welchem noch wie eine Insel fremden Volkstums, eine Anzahl von deutschen Gemeinden liegt, mit den Hauptorten Lusarn (Luserna) und Lafraun, in Höhen von 1200 bis 1300 m.
Palagruppe.