Von Levico zieht das Valsugana ostwärts. Dort liegt Borgo, der Hauptort des Thales, mit 3900 Einwohnern, umgeben von malerischen Burgen. Der letzte Ort im Tiroler Valsugana ist Grigno; hier verläßt die Brenta den Boden Österreichs. Wir wenden uns, um in Tirol zu bleiben, nach Nordosten. Weiter führen uns Jochsteige in das Thal von Canale San Bovo und nach Primör (Primiero) und San Martino di Castrozza (Abb. [192] und [193]). Hier sind wir am Fuße einer der wildesten und großartigsten Gruppen des tirolisch-italienischen Grenzgebirges: der Palagruppe. In furchtbarer Steilheit ragen hier die Cima di Vezzana (3191 m), der Cimone della Pala (3186 m) und die Pala di San Martino (2996 m) empor, auf ihren Schultern Gletscher tragend; ein riesiges Korallenriff, das wohl in den Urzeiten der Erde auf dem Boden eines längst abgeflossenen Meeres emporwuchs und durch seine abenteuerliche Gestaltung heute die Kühnheit der verwegensten Felskletterer herausfordert. Von diesen Gipfeln aus schweift der Blick nordwärts durch die Zackengefilde der Dolomite, südwärts hinunter in die grünen Ebenen Venetiens und bis zur fernen blauen Adria. Diese seltsamen trotzigen Naturbauten sind nur zu bewältigen, indem der kundige Blick der Führer all’ jene zusammenhängenden Rinnen, Kamine, Wandstufen und Geröllbänder ausfindig macht, die eine Art von labyrinthisch gewundenen Felsenleitern bilden. Auf ihnen gelangt aber nur der schwindelfreie und kniefeste Bergwanderer zu diesen Gipfeln, die erst im Laufe der letzten Jahrzehnte bekannt geworden sind.
Abb. 196. Castel Toblino.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Abb. 197. Arco.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
XIV.
Nonsberg und Judicarien.
Das letzte Gebiet in Tirol, das wir kennen zu lernen haben, ist jenes, das im Norden von der Eiswelt der Ortlergruppe, im Osten vom Etschthal, im Westen und Süden von der italienischen Grenze umgeben ist. Seine beherrschenden Gebirgsmassen sind der Südabfall der Ortlergruppe, die Presanella, die Adamello- und die Brentagruppe im Westen; die lang gestreckte Mendel im Osten. Zwischen diesen Erhebungen ziehen sich zwei große Thäler herab; eines zur Etsch, das andere in den Gardasee mündend, beide zuerst von Südwest nach Nordost, dann nach Süden absteigend. Die Bevölkerung dieser Thäler ist bis auf wenige Gemeinden italienisch, italienisch auch die ganze Landschaft.
Abb. 198. Madonna di Campiglio.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)
Nonsberg.