Wir betreten das nördlichere dieser Thäler, das Nonsbergthal (Val di Non) bei Deutschmetz, dem südlichsten deutschen Orte an der Etsch, wo der Nonsbach (Noce) mündet. Die Straße führt durch eine romantische Schlucht, die Ronchetta, über die ein alter Römerturm hereinragt. Bald öffnet sich das Thal und zeigt einen ganz eigentümlichen Charakter, der es von den bisher kennen gelernten Thälern Tirols scharf unterscheidet. Das Thal ist sehr breit und die Thalwände steigen so allmählich an, daß sie bis hoch hinan mit wohlbebauten Fluren, mit Dörfern, Gehöften und Schlössern bedeckt sind. Durch dieses weite Gelände, das nur an seinen Rändern höher aufgerichtet ist, wälzt sich der Nonsbach in einer engen unwegsamen Schlucht herab, so daß er fast nirgends sichtbar wird. Herrschende Gesteinsart ist roter Sandstein, überragt von Dolomit. An beiden Seiten des Thales, über dem Nonsbach, laufen Straßen entlang. Der Hauptort des Thales, Cles, mit 2200 Einwohnern, liegt 25 km thaleinwärts, eine uralte Kulturstätte. In Römerzeiten stand hier ein Tempel des Saturnus, dessen Trümmer in eine christliche Kirche eingebaut wurden. Die Straße, die am Osthange des Thales führt, verzweigt sich gegenüber von Cles und steigt in nördlicher Richtung gegen die Thalumwallung empor zum Markte Fondo, von wo sie nach weiteren zwei Stunden den viel besuchten Mendelpaß erreicht. Von Fondo aus gelangt man auch zu den vereinzelt gelegenen deutschen Gemeinden des Nonsbachthales, Laurein, Proveis und anderen, schon in bedeutenden Höhen. 2 km hinter Cles wendet sich das Thal, erst nach Nordwesten, dann nach Südwesten. Diese Richtung behält es bei. Es verliert auch den Namen Nonsbachthal oder Nonsberg und heißt nun thalaufwärts Sulzberg (Val di Sole). Hier erhält es zugleich anderen Landschaftscharakter. Der Thalgrund wird schmäler, die Thalwände zeigen sich dunkel bewaldet, die Ortschaften sind spärlicher. Große Seitenthäler ziehen nach Norden und Nordwesten hinauf. Vier Wegstunden hinter Cles liegt der Hauptort des Sulzberg, Malé, am unteren Ausgange des großen Seitenthales von Rabbi, wo in einer Höhe von 1220 m das berühmteste Bad von Tirol, Rabbi, mit seinen kohlensäurehaltigen Brunnen liegt. Bis Rabbi führt eine Poststraße, weiter nur noch Jochsteige.

Abb. 199. Pinzolo.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)

Eine Stunde aufwärts von Malé liegt Dimaro, von wo eine einsame Waldstraße südlich nach Campiglio führt. Von Dimaro aus beginnt das Sulzbachthal ernste, finstere Hochgebirgslandschaft zu werden. Das Gestein wird ein anderes; im Südwesten erheben sich die Granitmassen der Presanella; die Thalwände selbst sind Glimmerschiefer und Thonschiefer. Die zu den Gletschern der Presanella nach Süden hinaufziehenden Waldschluchten sind überaus einsam und düster. Bei Cusiano spaltet sich das Thal. Nach Nordwesten zieht nun ein Thalast empor, aus welchem der Nonsbach hervorströmt; es ist das Thal von Pejo, das mit seinen Ausläufern in die Eiswüsten der Ortlergruppe hinaufsteigt. Nach Südwesten aber, durch das Vermigliothal, führt die Jochstraße aufwärts, im Angesichte der Presanellagletscher bis zur einsamen Höhe des Tonalepasses (1884 m), an die Grenze der Lomdardei.

Sulzberg. Riva. Arco.

Zwei hohe, vergletscherte Gebirgsmassen, die Presanella und die Brentagruppe, scheiden die Thäler Sulzberg und Nonsberg von einer südlicher gelegenen Landschaft, welche unter dem Namen Judicarien (Giudicaria) bekannt ist. Wir wollen auch dieses Gebiet kennen lernen, indem wir von seinen tiefst gelegenen Teilen, die zugleich Landesgrenze zwischen Tirol und Italien sind, hinaufsteigen zu den höheren, dem Laufe seiner Wasser entgegen.

Diese Wasser aber sind die der Sarca; und wo dieselbe auf österreichischem Gebiete endet, wirft sie sich rauschend und froh in den himmlischen blauen Spiegel des Gardasees.

In einer Länge von 55 km erstreckt sich dieses entzückende Gewässer aus der Ebene Oberitaliens bis nach Tirol (Abb. [194] und [195]). Aber nur seine Nordspitze gehört noch zu Tirol; an ihr liegen noch die kleinen Hafenorte Riva und Torbole. Riva, mit 5000 Einwohnern, ist der bedeutendere. Hier hört man noch die österreichischen Offiziere, die Hotelwirte, auch einzelne Geschäftsleute deutsch reden; im benachbarten Torbole vernimmt man nur mehr italienische Laute. Und die Landschaft hat ein so südliches Gesicht, wie irgendwo an der Riviera. Die Seeufer fallen steil zur Tiefe ab; an ihnen spielt das wundersame blaue Wasser um große Felstrümmer. Mächtige Wellen schlägt der See hier, wenn ihn der Südwind seiner ganzen Länge nach aufwühlt. Hohe Kalkberge steigen an den Ufern empor; im Osten der lang von Nord nach Süd gestreckte Monte Baldo (2200 m); im Westen die Berggruppen, die unter dem Namen Trienter Alpen zusammengefaßt werden. Den schattigen deutschen Wald vermißt man an diesen Ufern; die Berge sind klippiger grauer Kalk, zwischen dessen Gräten und Wänden sich grüne Flächen von Rasen und niedrigem Gestrüpp hinanziehen. Auch die Thaltiefen sind schattenlos; an den staubigen Straßen stehen dünne Maulbeerbäume; an den untersten Berghängen kann man durch melancholische Ölbaumhaine wandern. Ab und zu belebt ein schwerfälliges schwarzes Frachtschiff, ein kleines Fischerboot oder ein Dampfer die Seefläche.

Durch eine stundenlange, fruchtbare Thalebene führt die Straße von Riva nach Arco ([Abb. 197]). Dieses Städtchen, mit 2400 Einwohnern, ist durch seine außerordentlich geschützte Lage und sein herrliches Klima zum weltberühmten Winterkurort geworden. Ueber dem Orte ragt auf steilem Fels die alte Burg Arco. Hinter Arco verengt sich das Thal der Sarca zwar, bleibt aber an seiner Sohle ein üppiger blühender Garten. Es führt hier den Namen Seethal und zieht als solches in nördlicher Richtung bis Alle Sarche, 20 km vom Gardasee. Hierher führt auch eine Straße von Trient, am reizenden Tobliner See ([Abb. 196]) vorüber, der unmittelbar bei Alle Sarche liegt und das alte Kastell Toblino umschließt. Im Angesichte von See und Burg windet sich die nach Judicarien führende Straße an der Thalwand empor; das Thal wendet sich nun westlich, wo die Sarca durch enge Schluchten herabschäumt. Bei Villa di Banale biegt sich das Sarcathal nach Südwesten, während zugleich gegen Nordosten ein Thalspalt sich aufthut, in dem eines der prächtigsten Kleinode der Südtiroler Landschaft verborgen liegt: der Lago di Molveno, über dessen blauem Spiegel die eisigen Zinnen der Cima di Brenta und Cima Tosa sich auftürmen.