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Daß noch bis in die Gegenwart der Katholizismus im Unterschied vom Protestantismus, bei dem die mittelalterliche Borniertheit auf diesem Gebiete etwas früher wich – wie stolz kann das Christentum sein, daß es rund vier Jahrhunderte dem Gott der Liebe Unschuldige verbrannte! – wo er die Möglichkeit dazu besitzt im gottgefälligen Wirken fortfährt, erhellt aus folgendem: Im Jahre 1860 wurde eine Frau zu Camargo in Mexiko lebendig verbrannt. Eine Frau mit ihrem Sohne bestieg 1874 zu St. Juan de Jacobo im Mexikanischen Staate Sinalva den Scheiterhaufen, und noch im Jahre 1888 soll eine Frau nach mehrmaliger Geißelung auf dem Marktplatz einer Stadt in Peru als Hexe ihr Leben haben lassen müssen. Ja, ja, die Religion der Liebe[278]!
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Heute ist die Aufklärung so unheimlich groß, daß die offizielle Wissenschaft die sogenannten okkulten Phänomene nicht nur ablehnt, sondern noch nicht einmal prüft! Geister wie Schiaparelli, Forel, Flammarion, Lombroso, Crookes, Wallace, Richet u. a. m. werden zwar nicht verbrannt, im übrigen sogar als Ehrenmänner behandelt, aber man hält ihre Beobachtungen keiner Widerlegung für wert. Dogma und ungeprüfte offizielle Weisheit haben eben immer geherrscht und herrschen heute noch. Freie Geister, die nicht Tatsachen an Theorien, sondern Theorien an Tatsachen prüfen, waren immer Outsider. Die ungeheure Masse der Nachbeter kann wirklich nichts dafür, ob das Dogma, das sie verficht, klug oder dumm, richtig oder falsch ist. Immer sind es einige Leithämmel, denen alle anderen nachlaufen. Wie dankenswert wäre eine Kulturgeschichte, die einmal nicht das herausstreicht, was die Menschheit den „Autoritäten“ verdankt, sondern nachweist, wie sie – nach kurzer Förderung – auf lange hinaus den Fortschritt hemmten!
Vierzehnter Abschnitt
Reliquien
Seit den ersten Jahrhunderten des Christentums erfreuten sich die Reliquien der Heiligen überall der größten Beliebtheit. Das ging so weit, daß Leute auf eigene Faust oder im Auftrage eines fremden Bischofs die Kirchhöfe durchwühlten, um sich dann mit den Gebeinen der Märtyrer davon zu machen. Eines Tages entdeckten die bestürzten Römer griechische Männer, die neben der Basilika St. Pauls Knochen gruben. Da diese Reliquien neben der ihnen beigelegten schützenden Wirkung auch das Gute hatten, Pilger aus allen Teilen der Erde anzuziehen, so wurden sie von den Römern wie ihre Augäpfel gehütet. Gregor der Große (590–604) schrieb der Kaiserin Constantia auf ihre Bitte um ein Stück vom Leibe des hl. Paulus einen Brief voll verhaltener Entrüstung. Die heiligen Leiber zu berühren sei ein todeswürdiges Verbrechen, aber es genüge bereits ein Stück Tuch, das das Apostelgrab bedeckt hatte, in eine Büchse gelegt, um Wunderwirkung zu erzielen, ebenso Feilspäne von den Ketten Petri, die bereits im 6. Jahrhundert vom Papste als höchstes, der späteren goldenen Rose gleich geachtetes Geschenk verliehen wurden[279].
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Astolf, König der Langobarden, belagerte 755 Rom. Zwar plünderten seine Truppen alle Kirchen und Klöster außerhalb der Stadt, die in ihrem Machtbereich lagen, mißhandelten auch die Mönche und Nonnen, verspotteten Heiliges und verbrannten Heiligenbilder, das hinderte sie aber nicht, zu gleicher Zeit die Kirchhöfe der Märtyrer zu durchwühlen, um sich mit ihren Gebeinen zu beladen. Damals wurden die bisher unversehrten Katakomben zerstört und die Knochen der Blutzeugen in Wagenladungen nach der Lombardei geschafft[280].
Im Jahre 1672 wurden aus 3 Katakomben nicht weniger als 428 Leiber entfernt, um als Geschenk oder um Geld in die katholische Welt zu gehen.