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Daß die Frauen von ihrem Manne geschlagen wurden, selbst mit einem Knüttel, war im frühen Mittelalter so gang und gäbe und galt für so wenig unpassend, daß es selbst in den Ritterromanen häufig erwähnt wird.[135] Sogar Siegfried hat Krimhilde tüchtig verprügelt, als sie die Brunhilde durch ihre Rede verletzt hatte (Nib. XV, 894). In Bayern hat erst die Einführung des Bürgerlichen Gesetzbuches, 1900, das leichte Züchtigungsrecht des Ehegatten beseitigt.
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Wer der Treue seiner Frau nicht sicher war, legte ihr schon im 13. Jahrhundert einen Keuschheitsgürtel an, von dem sich Modelle im Museum schlesischer Altertümer in Breslau, im Schloß Erbach im Odenwald – hier gleich zwei Exemplare – im Museum des Arsenals in Venedig, im Museum zu Poitiers, im Toussaud-Museum in London, in der Sammlung Pachinger in Linz, im Clunymuseum zu Paris und wohl auch noch anderwärts erhalten haben. Allerdings war der mißtrauische Ehemann nicht sicher, daß der Händler nicht einen Nachschlüssel der Gattin oder ihrem Liebhaber einhändigte.
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Wie Graf Zimmern erzählt,[136] gab es in Sachsen und den Niederlanden eine eigentümliche Sitte, „Beischlafen auf Glauben“, „was doch wider alle vernunft ist, auch vil huren und dorechter weiber gemacht hat. Man sagt ain guten Schwank von aim edelman in Niderlanden oder Westphalen, ain Horst, dem ist auch ain solliche ehr mit ainer jungfrawen angethon und uf glauben zugelegt worden. Als ihm nun nachs die Keuz anfahen steigen, do hat er die jungfrawen anfahen zu begreifen und mit ihr zu sprachen. sie hats alles von ime gelitten und vergut gehaht, one das er ir nit underhalb der gurtel oder weiche greif. nun parlamentirt er lang mit ir, vermaint, sie zu bereden, aber sie war ganz standthaft und sagt im mit kurzen worten, er sollt darvon sten, dann sie wurde im underthalb der Gurtel nichts verwilligen.“
Merkwürdige Anschauungen von Jungfräulichkeit herrschten in der Grafschaft Sponheim unter dem gewöhnlichen Volke seit den ältesten Zeiten. Zimmern erzählt darüber (III, S. 279 f.): „Wann ain junger gesell sich verheiraten will und umb eine wurbdt, so mueß zuvor er irer freundschaft burgen (Bürgen) setzen, das er ain hertbarer gesell seie (das sein die verba formalia) das ist sovil, das er wol hasplen kundt uf der betziehen. dargegen aber so muß im der hochzeiterna freuntschaft verburgen, das iren dochter oder verwantin ein raine jungfraw seie; iedoch dingen sie darbei uß drei stuck, nemlich Kinderspill, als wann die halbgewachsne kinder mit ainander sich paren und gaupen; item hurtenscheden, was hunder den zeunen oder dergleichen Orten sich ongeferdt begibt, und dann hew- oder kornbaren, das wurt insonderhait ußgedingt; dann wie baldt het am strohalm an sollichem ort ain schaden gethon? fur diese drei scheden verspricht man keinem, und da sie gleich ain guet zeit im beßenreis umbgeloffen, so mueß doch der guet narr schweigen und zufrieden sein.“ Unter diesen Umständen war es allerdings in Sponheim nicht schwer, als Jungfrau zu gelten. Ja, ja, keusch waren unsere Vorfahren!
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Noch gegen Ende des 16. Jahrhunderts herrscht, noch dazu in höfischen Kreisen, eine ähnlich laxe Sitte. Der schlesische Ritter Hans von Schweinichen weiß darüber in seinen „Denkwürdigkeiten“ (S. 38 f.) zu erzählen:
Im Jahre 1573 reist er nach Lüneburg zu Herzog Heinrich. Nach dem Abendessen wird getanzt und die Hofgesellschaft zieht sich von der Reise ermüdet zurück. „Die einheimischen junker verloren sich auch, sowohl die jungfrauen, daß also auf die letzte nicht mehr als zwo Jungfern und ein Junker bei mir blieben, welcher einen tanz anfing. Dem folget ich nach. Es währet nicht lange, mein guter Freund wischt mit der Jungfer in die Kammer, so an der Stuben war, ich hinter ihm hernach. Wie wir in die Kammer kommen, liegen zwei Junkern mit Jungfrauen im Bette; dieser, der mit mir vortanzet, fiel sammt der Jungfer auch in ein Bette. Ich fraget die Jungfrau, mit der ich tanzet, was wir machen wollten. Auf Mecklenburgisch so saget sie, ich sollt mich zu ihr in ihr Bette auch legen; dazu ich mich nicht lange bitten ließ, leget mich mit Mantel und Kleidern, ingleichen die Jungfrau auch, und reden also bis vollend zu Tag, jedoch in allen Ehren. Auf den Morgen hat ich das Beste, daß ich der Längest wär auf dem Platz gewesen, gethan, und ich hatte es am besten verricht. Kam derwegen beim Frauenzimmer in groß Gunst. Das heißen sie auf Treu und Glauben beischlafen; aber ich acht mich solches Beiliegen nicht mehr, denn Treu und Glauben möchte zu ein Schelmen werden.“