Die in der 2. Hälfte des 10. Jahrhunderts dichtende fromme Nonne Roswitha von Gandersheim hatte die Absicht, die unsittlichen heidnischen Schriften zu verdrängen. Das hindert sie aber nicht, uns in Bordelle zu führen, den Versuch eines Liebhabers, seine tote Geliebte zu mißbrauchen, anzudeuten und in Marterszenen zu schwelgen.
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Im Fragment „de rebus Alsaticis“ heißt es: „Um das Jahr 1200 hatten auch die Priester ziemlich allgemein Beischläferinnen, weil gewöhnlich die Bauern sie selbst dazu antrieben. Dieselben sagten nämlich: Enthaltsam wird der Priester nicht sein können; es ist darum besser, daß er ein Weib für sich hat, als daß er mit den Weibern aller sich zu schaffen macht.“ Ob die Bauern unrecht hatten?
Daß das Konkubinat nichts Anstößiges war, geht aus den Worten des Caesarius von Heisterbach hervor, der von einem Mönch erzählt, der Pfarrer wurde: „Er nahm, wie das bei vielen Sitte ist, eine Beischläferin ins Haus, mit der er auch Kinder hatte.“ Schon um 1200 hielt man im Bistum Salzburg denjenigen Geistlichen für einen Heiligen, der sich mit einer Konkubine behalf[149]!
Der Bischof Heinrich von Basel (1213–1238) „hinterließ bei seinem Tode zwanzig vaterlose Kinder ihren Müttern“.
Bischof Heinrich von Lüttich, der vom Konzil von Lüttich abgesetzt wurde und am 6. September 1281 seinen Nachfolger ermordete, hatte 61 Kinder.
Schon die Synode von Mainz hatte unter dem Vorsitz des Rhabanus Maurus im Jahre 852 zur Steuerung des sittlichen Verfalls bestimmt, daß jeder Mann vor der Ehe eine Konkubine haben dürfe[150].
Noch nach der Gegenreformation mit ihrer zweifellos die Sitten hebenden Wirkung war das nichts ungewöhnliches, wie u. a. aus Johann von Wedels ganz beiläufigen Bemerkung hervorgeht: „In den Ehestand hat er sich nicht begeben, weil er den bischöflichen Stand geführet und im Konkubinat unehlich sein Leben führen müssen“[151].
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Vom Kloster Wolverhampton schreibt Petrus Blesensis: „Sie lebten öffentlich und offenkundig in Unzucht und rühmten sich ihrer Sünde wie Sodom, und im Angesichte der öffentlichen Schande nahmen sie einer des andern Tochter oder Nichte zur Frau. Und so groß war die verwandtschaftliche Verschwägerung unter ihnen, daß keiner imstande war, ihre abscheulichen Verbindungen zu lösen.“