Nach Polizeiberichten ist festgestellt, daß im Oktober 1793 alltäglich der Pariser Revolutionsgarten und namentlich die Galerien bei dem Theater Montansier mit ganz jungen Burschen und Mädchen im Alter von 7–14 und 15 Jahren angefüllt waren, die sich fast öffentlich den Ausschweifungen der infamsten Unzucht hingaben. Dabei waren sie „fast nackt wie die Hand und boten den Vorübergehenden das entwürdigendste Schauspiel.“
In derselben Zeit traten die berüchtigten pornologischen Klubs an die Öffentlichkeit und veranstalteten im Opernhaus nackte Bälle, bei denen nur das Gesicht maskiert war. Die Zahl der täglichen Dirnenbälle stieg damals auf mehrere Hundert, auf denen die „Naktheiten der Griechen und Römer“ zur Schau getragen wurden, wo in 23 Theatern der Unzucht gefrönt wurde.
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Paris hatte 1770 etwa 600000 Einwohner. Von diesen waren 20000 Dirnen. Während der Revolution stieg die Zahl der letzteren auf 30000.
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Wenn auch die Damen vom Ballett im allgemeinen nicht gegen den Vorwurf der Askese in Schutz genommen werden müssen, so ist doch folgende von Casanova erzählte Geschichte kennzeichnend für den Tiefstand der Moral im damaligen Paris. Casanova sah eines Tages beim Ballettmeister der Oper 5–6 junge Mädchen von 13–14 Jahren, sämtlich von ihren Müttern begleitet und von bescheidenem, feinem Wesen. Er sagte ihnen Schmeicheleien, die sie mit niedergeschlagenen Augen anhörten. Eine von ihnen beklagte sich über Kopfschmerzen. Während Casanova ihr sein Riechfläschchen bot, sagte eine ihrer Gefährtinnen: „Ohne Zweifel hast du schlecht geschlafen.“ „Nein, das ist es nicht,“ erwiderte die unschuldige Agnes, „ich glaube, ich bin in anderen Umständen.“
Casanova war erstaunt, da er das junge Mädchen natürlich für eine Jungfrau gehalten hatte, und sagte: „Ich glaubte nicht, daß Madame verheiratet wären.“ Sie sah ihn einen Augenblick überrascht an. Dann wandte sie sich gegen ihre Gefährtin und beide lachten um die Wette[175].
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Die damalige französische Dame betrachtete die respektvolle Zurückhaltung ihr gegenüber als eine ihren Reizen zugefügte Beleidigung[176]!