Die Verordnung des Nürnberger Magistrates von 1490, daß täglich ein Knecht die toten Schweine, Hunde, Katzen, Hühner und Ratten auf der Straße zu sammeln und vor das Tor zu bringen habe, begeisterte ein poetisches Gemüt zu einem Jubelhymnus[218].

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Im Jahre 1666 wurde eine Reinigung der Straßen von Paris vorgenommen. Das war ein solches Ereignis, daß es nicht nur angedichtet wurde, sondern man sogar zwei Medaillen zu dauerndem Gedächtnis schlug[219].

Noch im Jahre 1697 wurde polizeilich festgestellt, daß die Bewohner Tag und Nacht aus ihren Fenstern alles schmutzige Wasser, Urin und Unrat jeglicher Art auf die Straßen warfen. Wer das nicht tat, sondern sich im glücklichen Besitze eines Abortes befand, bediente sich zu diesem Zwecke einer allen gemeinsamen Grube, deren Inhalt von Zeit zu Zeit in den Hausgarten entleert wurde! Das war im glänzenden Paris eines Ludwigs XIV.[220]!

In Sicherheit vor Güssen war man nur in den breiten Straßen, wenn man sich in ihrer Mitte hielt, wo ein schlammiger Rinnsal floß. Jeden Augenblick öffnete sich ein Fenster, und wer das Unglück hatte, den geheiligten Warnungsruf „gare l’eau“ zu überhören, über den ergoß sich erbarmungslos der Inhalt eines Nachttopfes oder eines Schmutzeimers. Es gab in der ganzen Stadt kein Fleckchen, wo man sicher vor solchen Überraschungen war, noch wo man dem entsetzlichen Gestank hätte entfliehen können. In Ermangelung von Aborten benutzte man alle Straßenecken, die Umgebung der Kirchen, ja die Paläste, wie man heute noch in Neapel ähnliches sehen kann. Im Palais de Justice stieß man z. B. überall auf Exkremente, sogar der Louvre wurde nicht verschont: in den Höfen, auf Treppen und Balkonen, hinter den Türen, überall wo jemand gerade ein Bedürfnis fühlte, entledigte er sich am hellichten Tage seiner Bürde, ohne daß die Palastbewohner sich darum kümmerten. Heinrich III. war darin allerdings kitzlig: durch Verordnung vom August 1578 befahl er, daß jeden Morgen, bevor er sich erhoben hatte, die Fäkalien aus den Höfen und seinen Sälen gekehrt werden mußten! Er hielt eben auf Reinlichkeit. Im übrigen roch es aber in den spanischen und französischen Palästen noch zu Ludwigs XIV. Zeit zwar stärker wie Rosen, aber nicht besser[221]. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts schlug deshalb ein Bürger die Einführung von Nachtstühlen in den königlichen Palästen vor.

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Der Zustand der öffentlichen Hygiene hob sich auch im 18. Jahrhundert in Paris nur sehr allmählich. Es kam vor, daß die schlecht angelegten Abtrittgruben sich in die benachbarten Brunnen leerten! Da kleine Bedürfnisse noch das ganze Jahrhundert, ja bis tief ins 19. hinein überall auf den Straßen verrichtet wurden, auch nach wie vor Nachttöpfe ahnungslose Passanten mit ihrem Inhalt bekannt machten, gab deren Aroma dem der Vergangenheit nicht viel nach. Noch 1780 mußte unter Protest der Bewohnerschaft von der Polizei die Ausleerung von Nachttöpfen usw. aus den Fenstern verboten werden!

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Im Jahre 1701 fand man beim Leeren einer Abortgrube die Leiche der Gattin eines Chirurgen, was aber kein Aufsehen erregte[222].