Der Kardinal und Fürsterzbischof von Salzburg erließ am 2. Februar 1905 einen Hirtenbrief, in dem folgende Stellen über die Macht des Priesters vorkommen: „Wo auf der ganzen Erde ist eine Gewalt, welche dieser Gewalt gleichkommt?“ Die Gewalt der Fürsten und Könige wird durch sie übertroffen. Aber wo ist selbst im Himmel eine solche Gewalt?: „Wenn du dort dich umschaust, so siehst du die Schar der Patriarchen und Propheten, der Märtyrer und Blutzeugen und die Scharen der hl. Jungfrauen und dann die Engel und Erzengel und die Throne und Herrschaften – können sie dich lossprechen von deinen Sünden? Nein... selbst Maria, die Gottesmutter, die Königin des Himmels, sie kann es nicht... O unbegreiflich hohe Gewalt! Der Himmel läßt sich von der Erde die Art und Weise zu richten vorschreiben, der Knecht ist Richter auf der Welt, und der Herr bestätigt im Himmel das Urteil, das jener auf der Erde fällt.“

Der Priester besitzt die Gewalt, Brot und Wein in den wahren Leib und das wahre Blut Christi zu verwandeln: „Christus, der eingeborene Sohn Gottes des Vaters, durch den Himmel und Erde geschaffen sind, der das ganze Weltall trägt, ist dem katholischen Priester hierin zu Willen.“ Christus hat „dem katholischen Priester über Sich, über Seinen Leib, Sein Fleisch und Blut, Seine Gottheit und Menschheit Gewalt gegeben und leistet dem Priester Gehorsam[255],“ d. h., er läßt sich von ihm verspeisen.

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Noch heute steht für die römisch-katholische Kirche die Existenz eines wahrhaftigen Teufels fest. Am 13. und 14. Juli 1891 hat der Pater Aurelian vom Wemdinger Kapuzinerkloster nach eingeholter Erlaubnis der Bischöfe von Augsburg und Eichstätt mit eigener Hand den Teufel aus einem besessenen Knaben ausgetrieben und einen „authentischen Bericht“ über den ganzen Vorgang am 15. August 1891 im Klosterarchiv niedergelegt. Darin erklärt Pater Aurelian u. a. wörtlich: „Wer die Besessenheit in unsern Tagen leugnen wollte, der bekennt hiermit, daß er abgeirrt ist von der Lehre der katholischen Kirche[256].“

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In den katholischen und protestantischen Schulen wird heute noch gelehrt, daß Gott in sechs Tagen die Erde aus nichts schuf, daß Adam aus Lehm, Eva aus einer Rippe gemacht wurde, kurz die ganze biblische Schöpfungsgeschichte, und zwar nicht etwa als Mythus oder zur Veranschaulichung für die kindlich naive Art, in der man sich vor 2½ Jahrtausenden diese gewaltigen und restlos wohl nie löslichen Probleme klarzumachen suchte, sondern alles als buchstäbliche, geoffenbarte Wahrheit. Wer schon etwas geweckter ist und daran zweifelt, riskiert eine ungenügende Religionsnote, die Versetzung in höhere Klassen ausschließt. So erziehen Staat und Kirche zu Überzeugungstreue und Wahrhaftigkeit!

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Eine erbauliche Geschichte, die heute noch – neben mancher gleichwertigen – in den Volksschulen gelesen wird, ist die von der Volkszählung Davids (2. Buch Samuelis, 24. Kap.): Gott hat den König David angereizt, Israel und Juda zu zählen, worauf der König dies Geschäft seinem Feldherrn Joab übertrug. Trotz der Gegenvorstellungen, die jener erhob, blieb David – wie ja mit Rücksicht auf den hohen Auftraggeber selbstverständlich – bei seinem Befehl, und so ging die Volkszählung im ganzen Lande vonstatten. Als sie aber vorüber war, bekam der König Gewissensbisse und betete zu Gott: „Ich habe schwer gesündigt, daß ich das getan habe, und nun, o Gott, nimm hinweg die Missetat deines Knechtes, denn ich habe sehr töricht gehandelt.“ Gott aber ließ David die Wahl zwischen dreierlei Heimsuchungen: „Willst du, daß sieben Jahre Hungersnot in dein Land kommen? Oder daß du drei Monate lang verfolgt von deinen Feinden fliehen müssest? Oder daß drei Tage Pestilenz in deinem Lande sei?“ Der König, landesväterlich wie er nun einmal war, wählte die Pestilenz, der 70000 aus dem Volke erlagen. Dann erlosch die Seuche. Nun dämmerte es David – der, man bedenke, die Volkszählung auf Gottes Befehl ausführen läßt und dann sein Volk, zur Strafe für seinen Gehorsam, aufopfert, weil er selbst die Konsequenzen nicht tragen will – daß er doch jedenfalls eher etwas verschuldet habe als sein Volk, und er sprach zu Gott: „Siehe, ich habe die Missetat begangen, aber diese Schafe (nämlich das Volk, das nicht ohne Grund in der Bibel immer so genannt wird), was haben sie getan? Laß doch deine Hand wider mich und meines Vaters Haus sein.“ Er wurde aber nicht weiter bestraft, und die Sache war erledigt.

Auf diese Weise wird in den Volksschulen ad oculos die Gerechtigkeit Gottes demonstriert, desgleichen die Herrschertugenden Davids und die kulturelle Höhe des „auserwählten“ Volkes, dessen Gesetze uns heute noch vorgehalten werden. Das Beispiel taugte besser zum Beweise für die Rückständigkeit und Barbarei des jüdischen Aberglaubens und – die Verbohrtheit der modernen religiösen Erziehung[257].

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