Sogar auf den Menschen dehnt sich der scholastische Frageeifer aus. Probleme von größter Bedeutung beschäftigen die Denker und zeigen uns aufs neue, wie unrecht wir der Kirche tun mit dem Vorwurf, sie habe auf Kosten einer brauchbaren irdischen eine verschrobene überirdische Afterwissenschaft kultiviert.
Wen interessiert es nicht zu wissen, in welchem Alter der Mensch geschaffen worden ist? Warum wurde Eva nun gerade aus der Rippe und nicht aus einem andern Teil des Mannes geschaffen? Und warum schlief Adam dabei? Die Wichtigkeit der Sache hätte schon gerechtfertigt, daß er wach gewesen wäre. Das findet wenigstens Petrus Lombardus.
Interessanter noch ist die Frage, ob der Mensch ewig hätte leben können, wenn er auch nicht vom Baume der Erkenntnis genossen hätte?
Etwas indiskreter lautet: Warum sich die Menschen im Paradies nicht begattet hätten? Jetzt verstehen wir auch des Petrus Lombardus Neugier nach dem Alter, in dem sie geschaffen wurden!
Wie hätten die ersten Menschen sich fortgepflanzt, wenn sie nicht gesündigt hätten? Eine Frage von hochaktuellem Interesse. Gibt es doch heute noch genug Frömmler, die im Geschlechtsverkehr eine Sünde erblicken und damit tatsächlich der Sünde das größte aller Wunder und aller Güter zuschreiben: das Leben.
Petrus muß auch so etwas ahnen, wenn er fragt, ob – ohne den Sündenfall – die Kinder mit vollkommen ausgewachsenen Gliedern und mit dem vollen Gebrauch der Sinne würden geboren worden sein?
Von höchster Neugier zeugt die Frage, warum der Sohn und nicht der Hl. Geist oder der Vater Mensch geworden seien? Mit großem Ernst wurde natürlich alles behandelt, was mit der sogenannten Erlösung zusammenhing. So die Frage, ob Gott das durch Christus dargebrachte Opfer auch hätte annehmen können, wenn dieser ein Weib gewesen wäre.
Mit Rücksicht auf die außerordentliche Wichtigkeit und Vordringlichkeit gerade dieser Frage wurde in der Schule des Petrus Lombardus nicht minder, wie in der seines Schülers Petrus von Poitiers das Thema emsig diskutiert. Man war sich einig, daß nur ein ganz verruchtes Scheusal, dem das schamlose Maul (os impudicum) in gehöriger Weise gestopft werden muß, in dem Sinne hätte antworten können, daß Christus auch als Weib den an einen Erlöser zu stellenden Anforderungen hätte genügen können.[15]
Occam hat in seinem Centilogium folgende Thesen: C. 8–11: »Zulässig sind die Sätze: Gott der Vater ist der Sohn der hl. Jungfrau; der Hl. Geist ist der Mensch, welcher der Sohn der hl. Jungfrau ist; der Vater, der niemals starb, kann gestorben sein, der Sohn, der starb, kann auch niemals gestorben sein.«... C. 29: »Der Leib Christi kann sich zu gleicher Zeit in entgegengesetzter Richtung bewegen und wird faktisch so bewegt, wenn z. B. ein Priester ihn emporhebt und der andere ihn in demselben Moment niederlegt.«[16]
*