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In dieser umständlichen Art sind auch die andern Dienste, der bei der Tafel, beim Auskleiden etc. festgesetzt. Interessant ist aber diese Stelle nicht nur wegen ihrer zeremoniösen Umständlichkeit, die den spanischen Einfluß deutlich verrät und sich wesentlich vom Brauch der andern damaligen deutschen Höfe unterscheidet, auch nicht allein, weil sie uns Gelegenheit bietet, die Toilette des Fürsten genau zu verfolgen, sondern besonders deshalb, weil sie lehrt, daß man sich damals nicht wusch! Nur Hände und Zähne kommen mit dem Wasser in Berührung. Das andere wird schlecht und recht durch Abreiben mit Tüchern ersetzt.

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Madame Campan erzählt in ihren berühmten Memoiren folgende Geschichte, die die unglückliche Marie Antoinette zum Gegenstand hat:

Das Ankleiden der Prinzessin war ein Meisterwerk der Etikette. Hier war alles vorgeschrieben... Wenn eine Prinzessin der königlichen Familie beim Ankleiden der Königin zugegen war, mußte die Ehrendame ihr ihre Funktionen abtreten. Aber sie zedierte sie nicht direkt den Prinzessinnen von Geblüt; in diesem Falle gab die Ehrendame das Hemd der ersten Kammerfrau zurück, die es der Prinzessin von Geblüt überreichte. Jede dieser Damen beobachtete skrupulös diese Gebräuche als Bestandteile ihrer Rechte bildend.

An einem Wintertage ereignete es sich, daß die Königin, bereits ganz entkleidet, im Begriffe war, ihr Hemd anzuziehen. Ich hielt es ganz entfaltet. Die Ehrendame tritt ein, beeilt sich, ihre Handschuhe auszuziehen und nimmt das Hemd. Es klopft leise an die Tür, man öffnet: es ist die Frau Herzogin von Orléans; ihre Handschuhe sind ausgezogen, sie tritt vor, um das Hemd zu nehmen, aber die Ehrendame darf es ihr nicht reichen; sie gibt es mir zurück, ich gebe es der Prinzessin. Es klopft neuerdings: es ist Madame, Gräfin von der Provence; die Herzogin von Orléans überreicht ihr das Hemd. Die Königin hielt ihre Arme über der Brust gekreuzt und schien zu frieren. Madame sieht ihre peinliche Haltung, wirft nur ihr Taschentuch fort, behält die Handschuhe an und bringt, indem sie ihr das Hemd überstreift, die Haare der Königin in Unordnung. Diese lächelt, um ihre Ungeduld zu bemänteln, aber erst, nachdem sie mehrmals zwischen den Zähnen gemurmelt hatte: »Das ist scheußlich. Welche Belästigung.«[252]

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In der Vergangenheit trauerte das ganze Land um den Tod des Landesfürsten, und zwar in Frankreich ein volles Jahr lang. Die ganze Nation ging schwarz. Kein Bürger, mag er in noch so beschränkten Verhältnissen gelebt haben, der nicht Trauerkleidung getragen, auf Schmuck verzichtet und seine Familie und Dienstboten zum mindesten in dunkle Gewandung gesteckt hätte. Allerdings erhielten die Angestellten des Hofes – ein Begriff, der außerordentlich weit gefaßt wurde – von diesem die Trauerkleidung geliefert. Es genügte aber nicht, für die eigenen Fürsten Trauer anzulegen, man trug in Paris Trauer um jeden europäischen Fürsten.

Da die lange Hoftrauer so drückend, besonders von der Luxusindustrie, empfunden wurde, reduzierte eine königliche Ordonnanze vom 23. Juni 1716 ihre Dauer auf ein halbes Jahr. Natürlich gab es über die Art ihrer Ausführung die genauesten Vorschriften.