Übrigens war auch die Privattrauer – die ersten Zeugnisse, daß die Trauer überhaupt äußerlich kenntlich gemacht wurde, gehen in Frankreich nicht weiter, als zum Beginn des 14. Jahrhunderts zurück – außerordentlich riguros. Aliénor de Poitiers, eine große Dame, die zwischen 1484 und 1491 »Les honneurs de la Cour« schrieb, ein Buch, in dem die genauesten Details über Fragen der Etikette sich finden, erzählt, daß ihre Standesgenossinnen beim Tode der Eltern neun Tage lang auf ihrem Bett sitzen mußten, zugedeckt mit blauem Tuche. Das Zimmer aber mußten sie sechs Wochen hüten. Bei dieser großen Trauer um Gatten oder Eltern durfte man auch weder Ringe noch Handschuhe tragen.

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Nach dem Tode des Herzogs von Bourbon im Jahre 1456 blieb seine Tochter, Frau von Charolais, nicht weniger als sechs Wochen in ihrem Zimmer, und zwar auf einem mit weißem Tuche überzogenen Bett liegend. Das Zimmer aber war ganz mit schwarzem Tuch ausgeschlagen, und schwarze Tücher vertraten auch die Stelle von Teppichen. Davor aber war ein großes Gemach ebenso hergerichtet. Übrigens lag sie, wenn sie allein war, weder immer, noch blieb sie stets im gleichen Zimmer. 40 Tage Stubenarrest nach dem Tode des Gatten war so gebräuchlich, daß ein Jahrhundert später Katharina von Medici fast getadelt wird, als sie sich nicht fügte.

Die Witwe mußte ihre Trauerkleidung immer tragen, es sei denn, sie verheiratete sich wieder, was selten genug vorkam, schon weil die Kirche es nicht gern sah. Übrigens war diese Witwentracht schwarz oder grau, zu Beginn des 16. Jahrhunderts und im 17. weiß, ebenso weiß bei Königinnen noch im 18. Jahrhundert. Im 16. Jahrhundert mußten die Witwen ihre Haare zwei Jahre lang verbergen und nur mit einem bis zu den Füßen reichenden Schleier ausgehen.

Heinrich III. von Frankreich trug nach dem Tode der Marie von Kleve an seiner ausnahmsweise schwarzen Kleidung silberne Tränen, Totenköpfe und ähnliche Embleme. Nach dem frühen Tode Karls VIII. 1498 trug Anna von Bretagne um ihn, abweichend vom königlichen Brauch, schwarze Trauer. Neun Monate nach seinem Tode hatte sie sich aber durch die Ehe mit Ludwig XII. getröstet. Als sie starb, trauerte ihr zweiter Gatte auch schwarz um sie und ließ keinen Gesandten vor, der nicht schwarz gekleidet war. Auch er heiratete neun Monate später wieder. Regel war, daß die Könige in Violett trauerten, sogar noch im 18. Jahrhundert, noch Napoleon hielt den Brauch aufrecht. Brantôme sagte ausdrücklich, daß Maria Stuart weiß trauerte, also sich dem Brauch fügte. Noch heute heißt ein Zimmer im Hotel Cluny »Zimmer der weißen Königin«, weil Marie von England, die junge Witwe Ludwigs XII., sich dorthin zurückgezogen hatte.[253]

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Über die Volkssitten, die im Jahre der Entdeckung Amerikas im bischöflichen Brixen herrschten, unterrichtet uns ein gleichzeitiger venetianischer Reisebericht. »Hier verbrachten wir den Rest des Feiertages (Fronleichnam) und nahmen wahr, daß die Einwohner sich in ihren Häusern sehr vergnügten, indem sie, das Haupt mit Eichen- oder Efeuguirlanden geschmückt, mit den Frauen zum Klange der Querpfeife tanzten. Danach führte jeder seine Dame zu einem Sitz, wobei er sie mit sehr großer Ausgelassenheit umarmte und herzte. Auch einige junge Venezianer Edelleute aus der Begleitung der Gesandten versuchten mit den hübschesten Damen zum Zeichen ihres Wohlgefallens auf dem Balle zu tanzen. In Brixen herrscht überhaupt ein ausgelassener Ton, denn auf den Straßen ist es – und zwar nicht bloß den Einheimischen, sondern auch den Fremden – erlaubt, junge Damen anzufassen und zu berühren und ihnen Liebenswürdigkeiten zu sagen[254]

Also ein Seitenstück zu dem aus dem 1. Bande bekannten Bericht des Bracciolini aus den Bädern in der Schweiz! Nur daß es hier wenigstens äußerlich trockener war.

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Von den Sitten in Venedig, das Keyßler 1730 besuchte, erzählt er: