Der erste Entzifferer der Keilinschrift war der klassische Philologe Georg Friedrich Grotefend (1775–1853). Die größten Kenner der Keilinschriften räumen ihm nicht nur die Priorität der Entzifferung, sondern auch die Größe der Entdeckung an sich ein, wie sie auch die Bedeutung seiner Methode für die weiteren Entzifferungsversuche anerkennen. Schon im Jahre 1802, also 27jährig, legte Grotefend seine ersten Entzifferungsresultate der Göttinger Akademie der Wissenschaften vor. Das erstaunlichste war nun, daß dieser Mann, der die Genialität besaß, die seit Jahrtausenden schweigenden Steine zum Reden zu bringen, gar nicht Sanskrit konnte![117]
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Der Ruhm, den rechten Weg zur Entzifferung der Hieroglyphen gefunden und weiter gegangen zu sein, gebührt dem englischen Arzt Thomas Young, von dessen Genialität im Reiche der Naturwissenschaften wir schon früher Zeugen waren. Er veröffentlichte 1815 in dem Cambridger »Museum criticum« eine mutmaßliche Übersetzung des ganzen demotischen Teils der Inschrift von Rosette, die Entzifferung sämtlicher darin vorkommender Eigennamen und außerdem die Erklärung von 80 andern Wörtern und ein aus diesen Erklärungen sich ergebendes demotisches Alphabet. Er entdeckte sogar, daß viele Wörter nicht alphabetisch, sondern symbolisch geschrieben seien. Eine außerordentliche Förderung ließ Jean François Champollion le jeune (1790 bis 1832) der Entzifferung der Hieroglyphen angedeihen, ja, er ist der eigentliche Vater der neuen Wissenschaft geworden. Er war seit 1809 Professor der Geschichte in Grenoble. Ihm glückte die Entzifferung 1822, also in seinem 32. Lebensjahre.[118]
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Enden wir hier das Kapitel. Wohl niemand wird mehr bestreiten wollen, daß uns der Beweis gelang. Und doch können wir mit einem Trostwort schließen.
Die Universitäten sind im allgemeinen nicht schlechter geworden. Sie verbannen heute die Genialität nicht weiter von sich als in früheren Jahrhunderten. Sie waren immer eine Organisation der Mittelmäßigkeit.
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Das sei zum Schluß durch Beispiele und Worte eines berufenen Kenners belegt.
Georg von Peurbach, dem bereits Padua und Bologna einen Lehrstuhl für Astronomie angeboten hatten, las in Wien als Magister der Artistenfakultät 1434–1460 vorzugsweise über römische Dichter. Nur 1458 hielt er eine mathematische Vorlesung. Sein großer Schüler Regiomontanus war an keiner Universität, sondern in Nürnberg tätig, da er an den damaligen Universitäten wenig Förderung seiner Studien zu finden meinte. Georg Kaufmann konstatiert, daß »die Wirksamkeit der beiden großen Astronomen und Mathematiker, die den Ruhm der Wiener Universität zu bilden pflegen, der Wiener Universität nur lose verwandt waren, daß ihre Studien außerhalb des Rahmens ihrer akademischen Tätigkeit lagen, und daß sie die Ordnung des mathematischen Unterrichts in Wien nicht umgestaltet haben.«[119]
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