Auch Differenzen zwischen Gelehrten konnten die unangenehmsten Folgen haben.

Der Professor Flacius in Jena geriet mit seinem Kollegen Victorinus Striegel, einem Anhänger Melanchthons, in Jena über das liberum arbitrium und die sogenannten guten Werke in einen erbitterten Streit, in dem Striegel, der Jenaische Professor Schnepf und der dortige Superintendent Andreas Hugel zum höchsten Zorne ihres Gegners und seiner Partei das »Confutationsbuch« verfaßten. Flacius brachte die Fürsten von Weimar auf seine Seite, und da Striegel nicht zur Zurücknahme seiner Ansichten zu bewegen war, griffen die Fürsten zu einem eigenartigen Mittel, über das uns der Bericht des bekannten Wittenberger Professors Justus Jonas an den Herzog Albrecht von Preußen belehrt.

»Die jungen Fürsten zu Sachsen (Weimar) haben Victorinum bei der Nacht in der Stadt Jena überfallen und samt dem Superintendenten des Orts, Magister Andreas Hugel, einem frommen, gottesfürchtigen, gelehrten, alten Mann, gefänglich, wie man Dieben und Mördern tut, wegführen lassen.... Am heiligen Ostertag nämlich hat man an die hundert Hakenschützen, desgleichen an fünfzig oder sechzig Pferde, unter welchen jedoch keiner von Adel gewesen, in Weimar auf den Abend sich rüsten lassen, ihnen aber nicht angezeigt, wem oder wohin es gelte; denn man hat diese Dinge sehr heimlich gehalten, auch derenthalben zwei Tage zuvor auf der Straße zwischen Weimar und Jena gestreift, den Boten alle Briefe genommen und erbrochen, auch etliche Wandersleute, unter welchen der junge Doktor Cornarius, untersucht und wieder zurück in die Stadt Weimar geführt, auf daß Victorinus ja nicht etwa gewarnt würde und sich (dessen er doch nie willens gewesen) davonmachte. Folgends am Ostermontage, zwischen zwei und drei in der Nacht, sind die Tore der Stadt Jena auf vorangehende fleißige Bestellung geöffnet worden, Reiter und Hakenschützen hineingelassen, welche alsbald in die zwei Gassen, darin Dr. Victorinus und der Superintendent ihre Wohnung haben, gerückt, dem Victorinus mit großem Ungestüm die Türe mit Äxten und Zimmerbeilen aufgehauen, und als der fromme, ehrliche Mann aus Schrecken samt seiner tugendreichen, lieben Hausfrau im Hemde herabgelaufen und gefragt: was da wäre? ob Feuer da wäre? haben die Ölberger geantwortet: Was sollte da sein? Wir sind da und wollen dich losen Bösewicht dahin führen, wohin du gehörst.

Als sein frommes Weib diese Worte gehört, hat sie Zeter und Mordio angefangen zu schreien, durch welches Geschrei sie die Judasrotte also erzürnt, daß einer unter den Ölbergern, sonder Zweifel ein ehrevergessener Schelm, dem armen, erschrockenen, ehrlichen, frommen Weibe eine Zündbüchse vor den Leib gehalten und gesagt: Schweig, du Pfaffenhure, oder ich will eine Kugel durch dich schießen! Welche Schmähung Dr. Victorinus verantwortet; darauf sie ihn einen Schelm gescholten, wodurch er denn nicht unbillig bewegt und wieder gesagt: Ei! bist du ein Schelm, so bleib einer; ich bin kein Schelm!

Dieser Lärm hat nicht lange gewährt, denn die Ölberger haben sich vor den Studenten und der Bürgerschaft, wo sie des Spiels inne und wach würden, sehr besorgt und derwegen so heftig geeilt, daß sie auch dem frommen Manne Victorinus nicht haben Weile gelassen, daß er seine Kleider hätte anziehen können, sondern man hat ihn im Hemde auf den Weg gestoßen und mit Not so lange gewartet, daß man ihm die Kleider hintennach geworfen.

Mit dem Superintendenten hat man etwas gelinder verfahren, und wie der gemeine Laut gehet, so werden sie sehr hart gehalten und nicht so traktiert, wie billig solche Leute, ob sie gleich ein Größeres verwirkt hätten, gehalten und traktiert werden sollten. Gott tröste die frommen, heiligen Leute, wehre und steuere den Teufelskindern, welche die jungen Fürsten auf solche Umwege führen.«

In einem späteren Briefe berichtet Justus Jonas dem Herzog, daß man noch viel brutaler, als er zuerst mitgeteilt habe, gegen die Herren verfuhr: »Man ist nicht allein bei Nebel und Nacht in sein Haus gefallen, Tür und Angel in Stücke zerhauen, sondern die Judasrotte ist dem frommen, ehrlichen Manne Victorinus in seine Schlafkammer gefallen, haben ihn auf einer Seite des Bettes gefunden, ganz bloß und gleich in dem, daß er sein Hemd über dem Haupt und an seinen Leib gezogen. Sein frommes, ehrliches Weib, des seligen Mannes Doktor Schneppii Tochter, haben sie auf der andern Seite des Bettes mutterleibesnackt gefunden, da das fromm tugendreich Weib stumm und bestürzt gestanden wie ein Stock, sich vor Schrecken nicht regen noch besinnen können... Des alles ungeacht haben sie ihr Büchsen und Spieß vor das Herz gehalten und sie mit Schmähworten greulich angegriffen...«

Grund zu diesem Betragen, das selbst dem Redakteur eines regierungsfeindlichen Blatte gegenüber vielleicht sogar in Preußen befremden würde, war die treue Anhängerschaft Victorin Striegels an Melanchthon und die kursächsischen Theologen zu Wittenberg, die Flacius haßte, wiewohl ihn Melanchthon früher mit Wohltaten überschüttet hatte.[133]

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