»Aber natürlich, mein Junge, wir treiben doch keinen Scherz.« Als er aber sah, wie leichte Röte in die blassen Züge des stets Verträumten zog, trug die offene Zuneigung wieder den Sieg davon, die er diesem von der Natur so stiefmütterlich behandelten Knaben stets entgegengebracht hatte.
Walter war ein sogenannter Zurückgebliebener, »das liebe Schreckenskind«, wie Frau Roderich ihn stets mit einem Seufzer nannte. Mit verwachsenen Schultern auf die Welt gekommen, hatten zehrende Kinderkrankheiten ihn viele Jahre zu einem körperlichen Schwächling gemacht, so daß man ihn wie eine zarte Treibhauspflanze gehegt und gepflegt hatte, bevor man daran dachte, ihn endlich, nachdem das schulpflichtige Alter längst verstrichen war, den geistigen Bedürfnissen seiner Zeit anzupassen. Stets besorgt darum, es könnte etwas an ihm zerbrochen werden, sobald man ihn in die Klasse sende, hatte man ihm seit zwei Jahren einen Hauslehrer gegeben, der ihm die nötige Vorbereitung für die höhere Schule geben sollte. Und das Wunder war geschehen: wie aus einer lange verschlossen gebliebenen Menschenblume strömte der Geistesduft heraus und machte sich von Tag zu Tag immer stärker bemerkbar, zur Freude des Kandidaten, der dieses Ringen und Ahnen frühzeitig erkannte.
»Wenn Du die Aufgabe richtig erfaßt, wird sie Dir nicht schwer werden,« half er dem Sinnen seines Zöglings wohlwollend nach. »Denke doch an Aeffi und Mausi und an all die Eigenschaften, die Du schon an ihnen entdeckt hast! Daraus wird sich dann das Resultat ergeben.«
Aeffi war der Familienschoßhund, ein kleiner Affenpinscher von zarter, hellbrauner Färbung, der, stets wohlfrisiert, den ganzen Tag über in einem gepolsterten Staatskörbchen zu Füßen der Gnädigen lag; und Mausi hieß die getigerte Küchenkatze, die die Köchin als junges Tierchen geschenkt bekommen hatte, und die seitdem zum wertvollen Bestande der Küche gehörte. Ihr Reich ging nur bis zum Ende des hinteren Korridors, da sie die Gewohnheit hatte, sich zu ihrer Toilette die verschiedensten Winkel auszusuchen, und sich dadurch die gründliche Abneigung der Gnädigen zugezogen hatte, die überhaupt diese Tiergattung nicht leiden konnte.
Ueber Walters blasses Gesicht zuckte ein heiterer Strahl. »Von Mausi weiß ich schon, wie sie ist; sie leckt ihren Napf sauber ab, und es klingt rührend, wenn sie miaut. Sie hat auch neulich eine Maus gefangen, es war ganz possierlich. Wissen Sie, es war in der Speisekammer, ehe der Maurer das Loch zumachte. Aber was ich über Aeffi schreiben soll, das weiß ich wirklich nicht, Herr Kandidat. Er ist eigentlich ein recht faules Tier, ich kann ihn gar nicht leiden. Wissen Sie, weshalb nicht? Weil Rudi mir einmal gesagt hat, er sei wertvoller als ich!« Sein Kopf, der fast direkt auf den Schultern saß, erhob sich in dem Lichtkreis des Fensters, und in den merkwürdig klugen Augen schwamm es, wie ein Hauch von Feuchtigkeit.
Fröhlich erriet seine Gedanken und machte den Versuch, ihn aus dieser Stimmung zu reißen. »Daraus mußt Du Dir nichts machen, was Dein Herr Bruder sagt. Redensarten, mein Junge, Redensarten! Wenn's hoch kommt, unüberlegte Narrheiten. Wer weise ist, lächelt darüber, und gewöhne Dir das beizeiten an! Ich bin gewiß, daß er über mich auch schon so manches gesagt hat, ich möchte es sogar beinahe behaupten. Und Du siehst, ich fasse mich immer in Geduld und bin stets freundlich und höflich zu ihm. So trifft man seine Gegner am besten. Schreibe also mutig darauf los!«
»So werde ich es also dem Aeffi gehörig besorgen und die Mausi weit über ihn stellen.« Er hatte mit der Spitze des Federhalters die Lippen gestrichen und machte nun mit ihm einen großen Schwung, vorläufig in der Luft, um sich allmählich zur Arbeit zu bequemen.
Aber Fröhlich verdarb ihm sofort gründlich diese Meinung. »Um Himmels willen, mein Junge! Diese Deutlichkeit laß nur, so ist das nicht gemeint. Ich könnte es für ewig mit Deiner Mama verderben. Du weißt, sie liest alle Deine Aufsätze, und wenn dann Aeffi, ihr lieber Aeffi —. Nein, das geht nicht.«
»Ich sehe ein, Herr Kandidat, das geht nicht,« stimmte ihm Walter altklug bei. Dann lachte er vergnügt, denn diese Aussicht hatte ihn heiter gestimmt.
Fröhlich begann, ihm das Allgemeine der Aufgabe auseinanderzusetzen, wobei er die fünf Finger der rechten Hand spielen ließ, um dadurch seine Belehrungen zu unterstützen. »Nicht um das Tier an und für sich handelt es sich, mein Junge, sondern um die Gattung. Ich wollte Dir nur durch den Hinweis auf Aeffi und Mausi den Kern Deiner Aufgabe ermitteln helfen, Dir sozusagen die Sache demonstrieren. Was demonstrieren heißt, das weißt Du. Wenn man vom Menschen an und für sich spricht, so denkt man nicht an Müller und Schulze, nein, mein Junge. Und so ist es auch mit den Tieren. Also: mach Dir die Sache leicht! Ungefähr so: Die Katze maust gern und schläft viel. Sie ist zwar ein nützliches Tier, überall dort, wo es Mäuse gibt, aber zugleich auch ein träges Tier. Der Hund ist der Gesellschafter des Menschen, der treue Wächter von Haus und Hof. Er ersetzt dem armen Mann das Pferd, gibt dem Jahrmarktskünstler sein Brot, undsoweiter, undsoweiter. Laß Deine Empfindung darüber ganz frei spielen!«