Walter hatte allmählich begriffen, nickte freudig und sann nach. Dann aber fuhr er wieder auf, denn fortwährend hatte ihn die Bemerkung Fröhlichs über den ältesten Bruder beschäftigt.

»Herr Kandidat, ich möchte Ihnen gerne etwas sagen, aber Sie dürfen es mir nicht übelnehmen. Nein? Am liebsten möchte ich einen Aufsatz über Sie und Fräulein schreiben. Dann wüßte ich gleich, wem ich den Vorzug zu geben hätte.« Und als Fröhlich lachend diesen Einfall im Zusammenhang mit der gegebenen Aufgabe etwas sonderbar fand, bekam er auch gleich die Aufklärung, die die Gedankengemeinschaft über diesen Fall im Kopfe des Aufgeweckten erklärlich machte.

»Es kam mir gerade so in den Sinn, Herr Kandidat, weil Rudi Sie beide im geheimen immer Aeffi und Mausi nennt. Sie sind der Aeffi, und Fräulein die Mausi. Fräulein schnurrte auch gerne, und Sie würden von Mama verhätschelt. Und das ist doch nicht einmal wahr. Sie bellten mich auch öfters gerne an. Auch eine Lüge! Und wissen Sie, weshalb der Vergleich am besten auf Sie paßte? Fräulein gehörte mehr zum Gesinde, und Sie gehörten schon mehr nach vorn. Aber bester, liebster Herr Kandidat — denken Sie nur nicht, daß ich's böswillig meine! Nur gut meine ich es. Rudi ist doch auch so häßlich zu mir, und Sie und ich — wir müssen doch zusammenhalten.«

Lebhaft, fast erregt hatte er diese Wendung hervorgebracht und sich dabei leicht von seinem Stuhl erhoben, weil ihm dünkte, seinem Lehrer Weh bereitet zu haben. Denn dieser hatte den Gang durch das Zimmer plötzlich eingestellt und stand nun in straffer Haltung vor seinem Schüler, so daß sich der Oberkörper förmlich aus der schmalen Taille des langen, schwarzen Rockes reckte. Ein Zucken ging um seinen Mund, das verschieden gedeutet werden konnte. Aber sofort wich es wieder einem Lächeln, das nur noch den Rest seiner inneren Empörung zeigte.

»Nein, nein, mein Junge, gegen Dich habe ich nichts, beruhige Dich nur! Und gegen Deinen Bruder noch weniger. Ich danke Dir, wie immer, für Deine Offenheit. Aber den Rat gebe ich Dir ein für allemal: gib nichts auf solche Redensarten! Es kommt immer darauf an, wie man alles sagt, und das zu erfassen bist Du noch nicht imstande. Nun arbeite ruhig, ich werde zu den Kindern gehen.«

In der Spielstube waren bereits Wünsche nach ihm laut geworden, die sich durch Lärmen und Poltern äußerten. Er hatte diese zarte Andeutung heute bereits wiederholt empfangen, und so kam er gerade zur rechten Zeit, um die Unruhigen zu besänftigen und den elfjährigen Grübler auf der andern Seite vor Störung zu bewahren. Zu diesem Zwecke schloß er die Türe hinter sich, um nun abgeschlossen im Reiche der phantastischen Kindervorstellungen zu wirken.

»Onkel Fröhlich, bist Du da?« vernahm er die Stimme des Fünfjährigen aus irgend einem Winkel. Sie klang wie aus der Tiefe, halb zerquetscht und gedämpft durch eine drückende Last. »Such mich doch, komm doch hier herunter! Hier brennt ein Weihnachtsbaum, und ich sitze auf dem Schaukelpferd. Hopp, hopp!« Und er klatschte mit den Händchen auf die Diele und schlug mit den Stiefelchen wild auf, was unstreitig sein »reiten« bedeuten sollte. Dann erging er sich weiter in seiner Einbildung. »Komm doch! Alle Lichter brennen. Hörst Du, wie ich Pfefferkuchen esse?« Er machte ein schmatzendes Geräusch, als hätte er den ganzen Mund voll des süßen Gebäckes.

Endlich entdeckte ihn der Kandidat unter dem alten Ledersofa, das auf seiner schwarzen Fläche deutliche Spuren eines Kinderturnplatzes zeigte. Die Vorstellung, er könnte ebenfalls unter dieses alte Möbelstück kriechen, um im schönen Monat Mai noch einmal das Weihnachtsfest zwischen Diele und Roßhaar zu erleben, stimmte den Kandidaten zu lauter Heiterkeit. O köstliche Einbildung einer Kinderseele, die Dinge entstehen läßt, die dem Weisen große Rätsel sind! Fröhlich behandelte die Sache völlig ernst, denn wie bei den großen Narren, war es auch bei den kleinen ratsam, immer mitzutun. »Reite nur hervor, Hänschen, und bringe den Weihnachtsbaum mit!«

Und der Junge tat aufs neue seinen Bauchritt, wieherte nun förmlich vor Freude und kroch allmählich ans Tageslicht. Ein geknickter Grashalm vom vergangenen Tage, den er in seiner Rechten hielt, war der »Christbaum«, den er nun neckisch dem Lehrer in die Hand drückte, wobei er immer noch mit den Füßen trampelte, um das wilde Pferd unter sich zu kennzeichnen. Dann aber markierte er den abgeworfenen Reiter, warf sich zu Boden, strampelte mit den Füßen in der Luft und rollte sich schließlich über den Teppich, wobei er ein Indianergeheul ausstieß.

Währenddessen saß das dreijährige Trudchen ruhig auf ihrem Korbstühlchen, eine riesige Puppe auf dem Schoß, der sie laut allerlei Vorwürfe machte und die sie ab und zu auf dem dafür bestimmten Körperteil strafte, als wäre das eine übernommene Pflicht, die sie zugleich mit diesem Geschenk erhalten hätte. »Du, du, du!« und Schlag auf Schlag folgte.