Hans hatte den schönen Traum unter dem Sofa schnell vergessen und bewies sich als verzogenes Jüngelchen, das die Lebhaftigkeit von der Mutter hatte, während das breite Gesicht mit dem kleinen Näschen entschieden ein Erbteil des Vaters war, nicht zu vergessen die zu groß geratenen Ohren. »Etsch, Onkel, Du mußt heute unser Fräulein spielen! Mama hat es gesagt, und Rudi hat schon gestern gesagt, Du sollst Dir eine Schürze umbinden. Und nachmittag mußt Du mit uns spazieren gehen.«

Kandidat Fröhlichs Stimmung schwebte zwischen Lachen und Aerger. Er sah sein Bild gerade in dem alten Mahagonispiegel, der in der Ecke ziemlich hoch als ein Stück des zusammengetragenen Hausrats in diesem Zimmer thronte, und so erwog er, wie er sich etwa, mit einer Schürze angetan, ausnehmen würde, womöglich mit einer recht auffällig gemusterten. Sein männlich offenes, bärtiges Gesicht mit den feinen Zügen sah ihn wie sprechend an, und als er jetzt auch die gesunden Zähne sah, war jeder Groll verflogen. Nein, dieser älteste Schlingel, dessen Haß er sich aus irgend einer ihm unbekannten Ursache zugezogen hatte, konnte ihn nicht beleidigen, mochte er immerhin seinen Spott zu den Geschwistern auslassen in der sicheren Erwartung, er werde sein Opfer so auf Umwegen treffen. Uebrigens hatte er wohl unbewußt das Richtige getroffen: auch Gärtner trugen Schürzen, und wenn er heute schon einmal Fräulein zu vertreten hatte, so wollte er diesen Scherz in Gnaden aufnehmen.

Ein neuer Vorstoß des Jungen gab ihm vollends seine gute Stimmung wieder. Hans fand es plötzlich nötig, die glänzend gewichsten Stiefel des Lehrers als Sockel für seine Schuhe zu benutzen, und wischte zugleich den Dielenstaub an Fröhlichs schwarzen Beinkleidern ab. Und so diesen mit der ganzen Kraft seiner fünf Jahre umschlungen haltend, legte er sich aufs Bitten. »Onkel Fröhlich, geh Du doch einmal mit uns in den Zo (das war eine Abkürzung für »Zoologischer Garten«), Du zeigst mir dann die Tiere, ja? Das muß schön sein. Auch wenn Fräulein wieder gesund ist. Dann kommt Rudi wieder und spricht mit ihr und schickt uns zu der Fischotter.«

»So, also Rudi spricht öfters mit Fräulein, das ist nett.« Kandidat Fröhlich war zwar anderer Meinung, und sicher hätte er gerne etwas Näheres über diese Gespräche erfahren, aber er war nicht der Mann, der Kinder aushorchte, die ihm anvertraut waren. Als er sich aber jetzt wieder unwillkürlich im Spiegel erblickte, glaubte er sein Gesicht bedeutend länger zu sehen, worüber er übrigens gar nicht erstaunt war. Er hatte sich in diesem Hause schon an soviel gewöhnen müssen, daß seine eigene Verwunderung über eine Neuigkeit keinen Eindruck mehr auf ihn machte. Um seinem Gemüt aber selbst Ruhe zu geben, beruhigte er zugleich den Jungen. »Das machen wir einmal, mein Söhnchen. Wenn erst die schönen Tage kommen ... Nun aber wisch Dir Deine Schuhe wo anders ab, spiele recht artig und laß Dein Schwesterchen zufrieden! Ich will einmal sehen, was Walter macht.«

Hans trampelte vor Freuden, dann aber ergriff er eine Kugel und schob die letzten Kegel um, die er hatte stehen lassen, bevor er die Entdeckungsreise unter dem Sofa vornahm. Und sofort stürzte er sich in eine neue Beschäftigung. Vor der breiten, kahlen Wand zwischen Ofen und Fenstern stand ein langer Tisch, auf dem all die Herrlichkeiten ausgebreitet waren, über die Kinder reicher Eltern in ihren Spielstunden zu verfügen haben: Puppenstube und Küche, Burgen, Baukasten und eine Eisenbahn, die wirklich ging, sobald man die Lokomotive aufgezogen hatte. Hans schwang sich auf das große Schaukelpferd, und von hier aus besorgte er seinen täglichen Kladderadatsch: er peitschte so lange auf die Eisenbahn, auf die Burgen und auf das frisch zusammengesetzte Steinhaus, bis alles drunter und drüber auf den Boden fiel. Trudchen schrie auf und flüchtete mit ihrer Puppe, die sie dann aufs neue bestrafte, als wäre sie mitschuldig an dem Skandal.

»Aber, mein Söhnchen, was soll der Unsinn! Das nennt man doch nicht spielen!« ermahnte der Kandidat. »Wenn ich zurückkomme, wirst Du alles wieder schön aufgebaut haben.«

II.

In diesem Augenblick wurde die Tür geöffnet, die zum hinteren Flurgang führte, und »Fräulein« trat ein, hastig, wie von der Angst getrieben. Ihrem Aeußeren sah man es an, daß sie sich nur eilig angekleidet habe, um von ihrem Zimmer, das auf der anderen Seite des Korridors lag, rasch hier hineinzuhuschen. Das üppige, braune Haar war lose aufgesteckt, und einige Strähnen davon umspielten noch den freiliegenden Hals, der übrigens weiß und verlockend aussah. Sofort fuhr die Hand an den Verschluß des Kleides, und sie wollte die Tür von draußen wieder zuziehen, als sie empfand, daß sie ihr Erscheinen mit einigen Worten rechtfertigen müsse. Und so sagte sie, noch immer die Klinke in der Hand: »Ach, Sie sind hier, Herr Kandidat. Dann bin ich beruhigt. Ich bitte um Entschuldigung, aber ich hörte den Lärm und glaubte, es sei etwas passiert. Ich bin gar nicht gewöhnt, am Tage zu liegen.«

»Aber so kommen Sie doch herein, Fräulein.«

»Ich kann mich ja gar nicht so zeigen.«