»Aber ich bitte Sie — das geniert mich doch nicht,« beruhigte er sie. »Sie gehören doch hier zum Hause.«
»Nein, nein, ich will mich nicht aufhalten,« entgegnete sie wieder. »Ich fühle mich wirklich nicht recht wohl, und wenn Frau Roderich es sieht, dann glaubt sie es wieder nicht. Ich hoffe, daß es bald vorübergehen wird.«
Der Junge hatte sich aber bereits an ihr Kleid geklammert und machte ein solches Hallo, daß sie rasch die Türe schloß, um den Lärm nicht weiter dringen zu lassen. »Mausi, Du kannst immer sterben, Onkel Fröhlich kommt mit nach dem Zo,« schrie Hans sie an, umschlang sie aber so innig mit seinen Aermchen, daß dieses Sterben jedenfalls für ihn sofortiges Auferstehen von den Toten bedeutete.
»Eine liebenswürdige Range, nicht wahr?« wandte sie sich an den Kandidaten, »was sagen Sie nur zu dem Katzennamen, den man mir gegeben hat?«
Fröhlich war rot geworden und wandte sich ab, denn er befürchtete, sie könnte auch seinen Lieblingsspitznamen bereits kennen und ihn dadurch in Verlegenheit bringen. Er sah sie erst wieder an, als sie sich mit Trudchen beschäftigte und er dabei die unsinnigen Worte vernahm, die ein derartiges Fräulein für ihre Schützlinge immer bereit haben muß. Dann bat er sie auf einige Augenblicke in das Nebenzimmer hinein, und als sie ihm überrascht gefolgt war, schloß er auch die zweite Tür, die zum Schulzimmer führte, so daß sie ungestört waren.
Sie wartete auf eine Neuigkeit, die mit häuslichen Dingen zusammenhinge und die vielleicht ganz plötzlich hinter ihrem Rücken emporgeschossen sein könnte. Um so erstaunter war sie, als er eine ganze Weile schweigend vor ihr auf- und abging, wobei er nicht vergaß, sie mit raschen Blicken zu streifen. Ihre süße Liederlichkeit gefiel ihm, und so wollte er sich erst allmählich daran berauschen, erst den Menschen in sich befriedigen, bevor er diesen hinter der Maske des Pädagogen verbarg. Bisher hatte er sie nur sozusagen frisch geplättet, frisch gestärkt und frisch frisiert gesehen, wie es einem netten Mädchen in einer großen Häuslichkeit geziemte, deren Herrscherin am liebsten ihre Leute auf dem Präsentierteller gehabt hätte. Nun jedoch sah er sie ohne Aufputz, weniger auf Draht gezogen, mehr weicher und schmiegsamer, ohne den Firnis des Zurechtgemachten.
Besonders ästhetisch veranlagt, hatte er immer eine Scheu vor der Kehrseite menschlicher Gewohnheiten, und so fühlte er sich um so angenehmer enttäuscht, sie auch in diesem Aufzuge ganz appetitlich zu finden. Sein kritisches Urteil blieb unvermindert das alte: Eine gut gezogene Familienblume, die, vom Daseinssturm verweht, aufs Geratewohl ins Leben hinausgetrieben war, aber immerhin genug Vorzüge hatte, sich über der Herde ihrer Mitschwestern zu erheben.
»Nun, was gibt's, Herr Kandidat? Aber recht schnell, wenn ich bitten darf. Man könnte kommen.«
»Frau Roderich liest die Zeitung,« beruhigte er sie und bewog sie, sich zu setzen.
Trotzdem sie noch nicht lange im Hause war, kannte sie ihn nur als einen ruhigen, besonnenen Mann. Nun aber wunderte sie sich, ihn so erregt zu sehen.