Er wagte nicht gleich, auf sein Ziel loszugehen, und so erkundigte er sich nach ihrem Leiden. »Frau Roderich sprach von Fieber, das sich entwickeln könnte. Man wird doch hoffentlich den Arzt holen.«
Sie zeigte ihre hübschen Zähne und schüttelte heftig mit dem Kopf. »Dann wäre ich doch nicht aufgestanden. Ein bißchen Erkältung. Ich werde nächste Nacht tüchtig schwitzen, und dann wird es wieder gut sein. Aber wissen Sie, hier sitzt es, in den Schläfen, mir ist ganz dumm im Kopf. Ueberhaupt in allen Gliedern liegt mir's. Ich hab's mir vorgestern geholt, am letzten kalten Tage.«
»Brennt denn Ihr Kopf?« fragte er besorgt, legte seine Hand auf ihre Stirn und fühlte dann an ihrem Puls. »Ich habe zwei Semester Medizin studiert, eh' ich umsattelte,« fügte er wie zur Entschuldigung hinzu. Dann aber, als sie dazu lachte, fand er sein Verhalten etwas läppisch, und so reckte er sich, zupfte an seinem Rock (eine Angewohnheit, die ihm besonders lieb war), und wurde wieder der ernste Kandidat Fröhlich, der vorzügliche Lehrer und Erzieher, von dem Frau Roderich das schöne Wort geprägt hatte, er sei korrekt wie ein armer Leutnant, bis auf die Taille sogar.
»Hauptzweck ist mir eigentlich, es Ihnen nahezulegen, unserem jungen Herrn Roderich soviel als möglich aus dem Wege zu gehen,« sagte er mit Nachdruck. »Vermeiden Sie seine Belästigungen, wehren Sie sich dagegen mit aller Macht, ja, ich würde es sogar für richtig finden, wenn Sie in dieser Beziehung eine Unterredung mit seiner Mama nicht scheuten, falls er gegen den guten Gebrauch unschicklich werden sollte. Ich habe durch reinen Zufall davon gehört — die Kinder plappern so manches, na, und dann macht man sich ein Bild.«
»Weiter ist es nichts, Herr Kandidat? Der Zoologische Garten ist groß, und ich kann mir doch nicht die Ohren zuhalten, wenn Herr Rudi sich vor mich hinstellt und mir was vorschwatzt. Mehr können Ihnen die Kinder doch auch nicht erzählt haben.«
Ihre Harmlosigkeit ärgerte ihn ein wenig. »Mein liebes Fräulein, — Sie sind jung, unerfahren, und ich möchte nicht gern, daß die Gnädige üble Deutungen daran knüpfe, wenn man aus einem vielleicht öfteren Zusammentreffen dort unwahre Schlüsse zu ziehen sich für berechtigt hielte. Wir kennen alle die leichte Lebensauffassung des jungen Herrn.«
Sie zeigte sich durchaus nicht böse. »Wissen Sie, Herr Kandidat, es ist mir wirklich nicht lustig zu Mute, aber am liebsten möchte ich laut lachen. Er ist ja noch ein dummer Junge.«
Plötzlich trat der, von dem sie sprachen, etwas unsanft aus dem Schulzimmer herein, und ganz in der Art eines Menschen, der den Verblüfften spielt, sagte er mit steifer Verbeugung: »O, bitte tausendmal um Verzeihung. Ich hatte keine Ahnung —.«
Sie stieß einen leichten Schrei aus, erhob sich und flüchtete durch das Spielzimmer hinaus. »Aber so bleiben Sie doch, Fräulein, was soll man denn davon denken,« rief Fröhlich ihr nach, aber sein Bemühen war vergebens. Die Korridortür klappte bereits. Der Kandidat war ärgerlich, denn sie hatte seiner Ueberzeugung nach etwas Unbegreifliches getan, was dazu geschaffen war, ihrem Beisammensein eine andere Deutung zu geben, wenigstens diesem jungen Herrn gegenüber, der seine neunzehn Jahre bereits mit der Wichtigkeit eines Lebegreises herumtrug, den nichts mehr überraschen kann. Aber sofort sich beherrschend, hielt er den anderen zurück: »Sie haben durchaus nicht gestört, Herr Rudi.«
»Herr Roderich, wenn ich bitten darf, Verehrtester,« schnitt ihm der Hausherrnsohn mit der gleichen Verbindlichkeit jede Annäherung ab. »Weshalb verfallen Sie eigentlich immer in den alten Fehler? Einmal muß man Ihrem Zauberbann doch entwachsen.«