Kandidat Fröhlich hielt es für besser, denselben leichten Ton anzuschlagen. Und so erwiderte er lächelnd: »Pardon für meine Rückfälligkeit, es soll gewiß nicht wieder vorkommen, Herr Roderich. (Diese beiden Worte waren gleich stark betont.) Ich werde mich jedenfalls sehr auf den Tag freuen, wo ich Ihnen noch einen besonderen Titel anhängen kann.«

»So lange wollen Sie noch bei uns aushalten? Beneidenswerte Courage.«

»Hängt das von Ihnen ab, oder von mir?«

»Na, Sie können doch nicht als ewiger Kandidat in die Unsterblichkeit gehen. Das würde ja meiner hohen Meinung von Ihnen den Todesstoß geben.«

»Ich werde mich bemühen, mir auch fernerhin Ihr gütiges Wohlwollen zu bewahren,« gab Fröhlich heiter zurück.

Trotzdem er den Spott des andern jedesmal empfand, sobald sie in derartige Plänkeleien gerieten, fühlte er sich doch viel zu sehr als überlegener Mann, um seinen Gleichmut aufzugeben. Die kindische Herausforderung des andern erschien ihm immer nur als ein Mangel an guter Erziehung, dem er in Würde begegnen müsse.

»Mir angenehm zu hören,« schnarrte Roderich junior plötzlich von oben herab, indem er sich bemühte den Einwurf anders aufzufassen. Die Hände in den Hosentaschen, schlenderte er gemütlich im Zimmer umher. Er steckte bereits in der neuesten Frühjahrsmode: in ganz engen Beinkleidern, die nach englischer Art fast trikotartig über die gelben Strandschuhe fielen, in auffallend kurzem Jackett und in oben geschlossener Weste, aus der der Sezessionsumlegekragen so hoch über der roten Sportkrawatte ragte, daß man den Eindruck gewann, er hätte aus Versehen eine steife, umgekippte Halsmanschette um den Hals gewürgt, damit den etwas zu groß geratenen Ohren die Schaustellung nicht geschmälert würde. Nur mit Anstrengung konnte sich der Kopf daraus hervorschrauben, je nachdem das Bedürfnis vorlag, der Nase eine neue Richtung zu geben. Ein dünnes Uhrkettchen, das durch das Knopfloch gesteckt war, zog sich über die schmale Brust von einer der oberen Westentaschen zur andern, und so glich er einem stilvollen Gecken, der auch niemals vergaß, die linke Hand auffallend nach unten zu schütteln, damit man das silberne Armband klirren hören könne. Ein leichtes Gähnen hinter der vorgehaltenen rechten Hand folgte seinen Worten. Er gähnte selbst am lichten Tage sehr oft, und zwar mit einer gewissen Koketterie, weil er das zum guten Ton gehörig fand, wodurch Lebewesen seiner Art die ewige Langeweile ihres jungen Daseins andeuten müßten.

»Ich finde, Sie sind etwas erregt, Herr Kandidat,« begann er wieder und holte das lose Monocleglas aus der Westentasche, das er sich mit Grazie und schiefem Gesicht ins Auge klemmte. »Schwere Arbeit heute, was? So drei Rangen auf einmal in Raison halten zu müssen — wie? Auch kein Austernschlucken, was? Mama hat mir schon von Ihrer Opferfreudigkeit berichtet. Na, einmal ist ja keinmal. Aber trösten Sie sich mit den Paukern, die eine ganze Klasse über sich ergehen lassen müssen. Habe ich auch mal mitgemacht, natürlich aktiv. Bis Quarta ist man ja immer rauhbeinig. Wir hatten da einen Ordinarius, na —! In dessen Haut hätte ich nicht stecken mögen. Werden Sie ja auch mal erleben ... In den höheren Klassen wird man vernünftiger.«

»Sind Sie nicht aus Obertertia abgegangen?« fragte Fröhlich.

Roderich junior merkte die Absicht, aber blieb kalt. Sein Hochmut war jedoch unverkennbar, als er mit Daumen und Zeigefinger sein kaum sichtbares Bärtchen teilte und mit Betonung erwiderte: »Ich habe mein Einjähriges, Verehrtester. Das dürfte Ihnen doch nicht ganz unbekannt geblieben sein — bei der Regsamkeit, mit der Sie sich für alle Vorgänge im Hause interessieren.« Dann aber schlug er wieder einen leichten Ton an, um schneller über diese Gesprächsbrücke zu kommen, dem endlichen Ziele entgegen. »Was wollte denn eigentlich Mausi? Pardon — Fräulein wollte ich sagen. Ich denke, sie ist krank, liegt im Bett und konserviert ihre Schönheit durch Vermeiden jeder Aufregung? Und nun hat sie Ihnen hier Gesellschaft geleistet als mademoiselle sans gène? Erteilen Sie ihr etwa auch Lektionen? Herr Kandidat, Herr Kandidat!«