Im Bewußtsein seiner augenblicklichen Uebermacht drohte er Fröhlich lächelnd mit dem Finger. Dieser jedoch zeigte keine Neigung zum Scherzen, gab ihm vielmehr mit ernster Miene kurz die nötige Aufklärung. Rudi jedoch bückte sich plötzlich mit ungläubiger Miene vor dem Stuhle, auf dem Fanny Frank gesessen hatte, und hob lachend eine Haarnadel auf.

»Ei, sehen Sie doch — sie hat etwas verloren. Ihr Haar muß ja ordentlich ramponiert gewesen sein. Darf ich Ihnen das Ding zur Erinnerung an die genußreichen Minuten dedizieren?«

Eine Blutwelle schoß dem Kandidaten ins Gesicht, und sofort empfand er die Neigung, ihm die Haarnadel aus der Hand zu schlagen; aber indem er sich sofort beherrschte, sagte er mit erzwungener Verbindlichkeit: »Ich muß bedauernd verzichten. Vergrößern Sie nur Ihre Sammlung damit, die ja, wenn sie mit Ihrer Lebensauffassung gleichen Schritt gehalten hat, sehr reichlich sein muß!«

»Sie sind heute äußerst verschwenderisch in Anerkennung meiner Vorzüge,« erwiderte Rudi mit einem Kopfnicken und legte den Fund, den er zwischen den Fingerspitzen wie etwas Unangenehmes weit von sich hielt, auf ein Tischchen am Fenster. »Dann mag Mama sich den Kopf darüber zerbrechen. Die ist ja gleich bereit, sich aus allem einen Roman zu machen.«

»Vielleicht kann ich dabei mit einem Kapitel dienen, das sich hin und wieder im Zoologischen Garten abspielt.«

»Wie meinen Sie, Herr Kan—di—dat?«

Roderichs junior Lächeln war verschwunden, er erhob den Kopf aus der Kragenschraube, gab dem wackelnden Augenglas einen neuen Halt, machte einige Schritte und blieb herausfordernd vor seinem Gegner stehen.

Fröhlich empfand die Neigung im selben Tone zu erwidern, aber sogleich fiel ihm ein, daß sein Beruf in diesem Hause es mit sich bringe, auch diesem Jüngling gegenüber, der der Schule bereits entwachsen war, jene Milde zu bewahren, die die schönste Eigenschaft des Erziehers ist. Und so begann er mit seiner klangvollen Stimme:

»Herr Roderich, es ist den Kindern bereits aufgefallen, daß Sie merkwürdig oft im Zoologischen Garten zur Stelle sind, wenn Fräulein Frank ihrer Pflicht nachgeht. Sie ist jung und Sie sind jung, sie aber ist gänzlich unerfahren, während Sie in der ars amandi schon bedeutende Fortschritte gemacht haben. Ich höre darüber manchmal Andeutungen — Sie wissen ja, ich genieße das besondere Vertrauen Ihrer Frau Mama. Bleiben Sie meinetwegen hübsch bei Ihren Bar-Damen, poussieren Sie Ihre Konfektioneusen, mich soll's nicht genieren, mich geht's auch nichts an, — das ist Sache Ihrer Herren Eltern, sich darüber mit Ihnen abzufinden. Aber lassen Sie anständige Mädchen aus dem Spiel, die unerfahren in die Welt blicken und den Verführungskünsten der Männer nicht gewachsen sind! Solche jungen Dinger reißt ihr Blut leichter fort, weil sie sich impulsiv geben, ohne Berechnung, im Vertrauen auf den Anstand desjenigen, der da lockt und in der Leidenschaft unwürdige Beteuerungen nicht verschmäht. Die Erfahrung spricht dafür, daß diese Beteuerungen von Liebe um so williger Gehör finden, wenn die soziale Stellung des Lockenden dabei ins Gewicht fällt. Sie wissen, daß Fräulein Frank aus vortrefflicher Familie stammt; ihr Bruder ist aktiver Offizier, ihre Mutter ist eine reich mit Kindern gesegnete Witwe, deren jüngere Söhne noch im Kadettenkorps erzogen werden. Ein Vergnügen ist es für eine solche junge Dame wahrhaftig nicht, ein sogenanntes Fräulein zu spielen. Aber sie wollte zu Hause nicht länger zur Last liegen, da die älteste Schwester die Wirtschaft führt. Das sonst übliche Lehrerinnenexamen hat sie nicht gemacht, anders konnte sie sich nicht betätigen, und so verwertet sie hier ihre Kenntnisse und Liebe zu Kindern. Etwas, was heute hundert andere aus gleicher Familie tun. Ich möchte hinzufügen: tun müssen im Vertrauen auf die Diskretion der großen Welt, die in der Regel wenig von diesem Martyrium der armen, gebildeten Mädchen erfährt. Sie treiben eben mit in dem breiten Strom, in dem die Armee der Abhängigen und wirtschaftlich Gestraften schwimmt. Man sieht die tausend Köpfe der Schwimmenden und wundert sich nicht, bis plötzlich ein besonders hübscher auftaucht, der die Aufmerksamkeit erregt. Nehmen wir z. B. an, Ihre Aufmerksamkeit erregt, und fügen wir hinzu, daß dieses schöne und temperamentvolle Gesicht Fräulein Fanny Frank gehört. Sie sind zu reif in allen Dingen, Herr Rudi — Verzeihung, Herr Roderich, — als daß Sie meine kleine Warnung, die aus dem Herzen kommt, nicht verstehen sollten. Und also, nicht wahr? Sie werden der guten Freundin Ihrer kleinen Geschwister den Platz hier nicht verärgern wollen. Schließlich wird sie doch weichen müssen, denn Sie sind der Sohn des Hauses, der unter allen Umständen recht behalten wird.«

Rudi hatte ihn ruhig angehört, mit jener brutal-lächelnden Miene, die der frühreife junge Mann für die Lebensbelehrungen weiser Männer bereit hat. Nur hin und wieder hatte er ein kurzes »So?«, ein spöttelndes »Meinen Sie?« und ein ebensowenig ernstes »Hübsch, sehr hübsch von Ihnen!« eingeworfen. Und um seine Gleichgültigkeit noch mehr zu beweisen, mußte das Spielen mit der silbernen Zigarettenbüchse herhalten, der er schließlich eine der Marke »High life« entnahm und sie mit großartigem Getue anzündete. Noch das Schwenken des allmählich verglühenden Zündhölzchens sollte seine erhabene Stimmung andeuten. Und als er mit vollen Backen den Dampf gegen die Decke stieß, beinahe über den Kopf des Sprechers hinweg, war das unstreitig die Illustration zu dem Gedanken, daß ihm im Augenblick alles Luft sei. Dann nahm er einen Anlauf zu einer gewaltigen Zwischenbemerkung, um dem Redestrom ein Ende zu machen, aber das Wort erstarb ihm auf der Lippe. Das Augenfeuer des andern ließ ihn den Blick allmählich niederschlagen, und so sank er zur Kleinheit herab, während der Kandidat über ihn hinauswuchs. Es lag etwas in Fröhlichs Sprechweise, das ihn bezwang, am Ende seine Aufmerksamkeit erregte und das letzte dumme Lächeln verscheuchte.