»Hören Sie, Sie hätten eigentlich Pastor werden müssen,« sagte er endlich. »Verflucht, können Sie predigen! Das kann einem ja nahe gehen. Wenn Sie's nicht wären, ich hätte längst die Flucht ergriffen. Sie haben eben eine ganz bestimmte Diktion, um in Ihrem Jargon zu reden, Sie schmücken Ihre Sätze mit Gefühlsspitzen. Geistreich, was? Eigener Einfall von mir ... Der Meinung ist auch Mama, Papa nennt es anders. Der sagt einfach: Sie griffen an die geistige Niere, Sie fixten auf Moral-Aktien. Börsenton natürlich! Aber diese Aktien haben doch inneren Wert, Sie müssen sich nur hüten, zu überzeichnen, sonst haben Sie bei raschem Kursfall die Differenz allein zu tragen. Sie imputieren mir etwas, woran ich gar nicht gedacht habe. Man wird wohl noch ein bißchen techtel-mechteln können! Das wird wohl schließlich auch Ihre Gnade finden. Darf ich mir erlauben —?«

Er hielt ihm die offene Zigarettendose hin, in die hineinzugreifen Fröhlich aber keine Neigung zeigte. Innerlich erfreut darüber, diesen angenehmen Verkehrston wieder geschaffen zu haben, lehnte er doch dankend ab mit dem Bemerken, daß er nur wenig rauche.

Und einmal im Zuge, jede Meinungsverschiedenheit über den wunden Punkt zwischen beiden ein für allemal aus der Welt zu schaffen, warf der Kandidat angeregt ein: »Nicht wahr, Herr Rudi — ich nenne Sie diesmal mit guter Absicht so — Sie versprechen mir, auch das Techtel-mechteln zu unterlassen.«

Roderich junior lachte. »Töchtermöchteln möchte ich schon,« witzelte er. »Sie kennen doch diese neueste Scherzverdrehung?«

Der Kandidat glaubte, diese gute Laune festhalten zu müssen, und so drang er aufs neue in ihn: »Sie geben mir Ihr Ehrenwort darauf, nicht wahr?«

Sofort schlug die Stimmung des andern um. »Aber, Verehrtester, ich verstehe Sie nicht! Um Lappalien gibt man doch kein Ehrenwort. Ich weiß überhaupt nicht —. Sie trainieren mich ja förmlich.«

Fröhlich ging durch das Zimmer und blieb dann wieder erregt vor ihm stehen. »Fräulein ist doch keine Lappalie,« stieß er hervor.

»Für mich aber ein Begriff. Sagen wir besser eine Art, meinetwegen auch eine Gattung.«

»Herr Roderich!«

»Aber natürlich doch. Ich kenne weder die Schwester des Aktiven, noch die Tochter der Offizierswitwe, sondern nur das sogenannte ›Fräulein‹. Ich habe Ihre Pauke mit Würde über mich ergehen lassen, aber das Bild bekommt jetzt eine andere Beleuchtung. Sie muten mir zu, hier bindende Versprechungen zu geben ... Ja, worüber denn? Ueberhaupt, ich verstehe Sie gar nicht. Tun ja gerade, als handele es sich um eine große Dame. Mit Abzug von Manko. Pauken Sie doch Ihre Moral sich selbst! Weshalb wollte ich Ihnen denn die Haarnadel dezidieren? Herrgott, ich will ja gar nicht auf fremden Revieren jagen. Beruhigen Sie sich doch!«