»Ernst mußte den Herrn Sanitätsrat holen. Die gnädige Frau behauptet, es sei sehr schlimm. Das ganze Haus müßte ausgeräuchert werden.«
»Nanu! Doch nicht ansteckend?« Er fuhr auf, aber Emil beruhigte ihn sofort, indem er die Angst der Gnädigen auf das gehörige Maß zurückführte. Roderich lachte still in sich hinein, womit er unstreitig andeuten wollte, daß er nichts anderes erwartet habe.
Mit gesundem Appetit ging er zum Fisch über. »Wer hat sich denn heut mit den Kindern beschäftigt?« war dabei seine Frage.
»Der Herr Kandidat mußte mit ihnen spielen,« gab Emil zurück, indem er die Betonung auf das letzte Wort legte. Auf eine kleine Uebertreibung kam es ihm nicht an, denn er wußte, wie sie aufgenommen wurde.
Der Bankdirektor lachte abermals heimlich. »Das ist recht, das kann er auch mal probieren,« preßte er kauend hervor, eigentlich mehr zu sich, mit einem gewissen, harmlosen Ingrimm.
Aus kleinen Verhältnissen hervorgegangen, hatte er sich zu dem jetzigen vielbeneideten Direktorposten einer großen Bank emporgeschwungen, durch den er wohl zu Ansehen und Reichtum gekommen war, der aber doch den alten Menschen in ihm nicht hatte unterdrücken können. Und so wurde er manchmal »rückfällig«, indem er noch die Gewohnheiten des kleinen Mannes zeigte, der den Abstand zwischen Herr und Diener nicht gehörig zu schätzen weiß. Was man bei geborenen Herrschern Leutseligkeit nannte, war bei ihm mehr Vertraulichkeit, durch lange Gewohnheit bedingt.
Von seltenem Fleiß und Pflichteifer den Tag über, war ihm diese Tafelstunde hier die einzige wirkliche Ruhe und Erholung, die er ungestört genießen wollte. Oben wußte man, daß er erst nach gründlicher Sättigung zu haben sei, und so verdarb man ihm niemals die Laune durch vorzeitige Belästigung. Selbst seine Frau störte ihn selten, trotzdem ihre nervöse Stunde erst recht kam, sobald sie ihn unten wußte. Früher war sie zu ihm hinabgestiegen, um während des Essens mit ihm zu plaudern, nach Neuigkeiten zu fragen und ihm selbst die Schüssel zu reichen. Bald aber hatte sie gemerkt, daß all die kleinlichen Dinge, mit denen sie ihn überschüttete, ihm den Appetit verdarben. Und so blieb sie gleich den übrigen lieber oben und wartete sein Erscheinen ab.
Da Roderich zu den Leuten gehörte, die stets bestrebt sind, das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden, so bereitete er sich sozusagen schon beim Essen auf die Ueberraschungen vor, die ihn oben in seiner Familie erwarten würden. Emil mußte ihm daher als Berichterstatter dienen, hin und wieder auch als Schnelläufer die Treppe hinaufeilen, um Fragen zu übermitteln und die Antwort zu überbringen. Zwar befand sich vorn im Arbeitszimmer ein Haustelephon, das Roderich aber abgestellt hatte, weil früher das Klingeln kein Ende nahm.
Frau Agathe hatte aber verstanden, sich zu helfen. Neben dem Aufzug war ein Sprachrohr, das die Verbindung mit der Küche herstellte. Kaum war der Schinken mit Spargel heruntergelassen worden, als es oben klopfte. Wohlweislich hatte Emil die Tür geschlossen, denn er wußte, daß er jetzt die Neugier der Frau Bankdirektor erschöpfen mußte.
»Emil, ist alles zur Zufriedenheit des Herrn?«