Große Dinge regten Roderich senior niemals auf, dagegen konnten kleine und nichtige Vorgänge ihn aus dem Häuschen bringen. Und weil er oben in seiner Familie niemals davor sicher war, so hatte er sich hier unten eingekapselt, ganz nach persönlicher Bequemlichkeit. Oben schlief er nur, nahm den Morgenkaffee ein und hielt bei dieser Gelegenheit große Musterung über die lieben Häupter ab. Das war nun schon seit Jahren so, und er fand, daß seine Nerven dabei je mehr sich stärkten, je weniger das bei seinem lieben Weibe der Fall war. Ihre wechselnden Launen machten ihm viel zu schaffen, und wenn er sich früher darüber geärgert hatte, so entging er jetzt dieser Aufregung durch das Alleinsein, das ihm ein Labsal war.

Zuerst hatte es Kämpfe dieser Abzweigung wegen gegeben, denn Frau Agathe fühlte sich in ihrer häuslichen Würde verletzt. Sie wollte das allgemeine Familienmahl ebenfalls auf diese späte Stunde verlegen, damit der gestrenge Herr oben an der Tafel teilnehmen könne. Aber Adolf Roderich sträubte sich so sehr dagegen aus Rücksicht auf die Kinder, daß sie sich an die doppelte Kocherei gewöhnen mußte. Eigentlich hatte sie damit nicht viel zu tun, denn die »perfekte Köchin« wirtschaftete so selbständig und schraubte sich manchmal auf den Küchenherrscherton, der so ziemlich mit der Höhe ihres Lohnes übereinstimmte. Frau Roderich zankte zwar viel mit ihr und drohte oft mit Kündigung, weil ihr alles zu teuer erschien, aber sie lenkte rasch wieder ein, sobald Lene das berühmte Wort sprach: »Es ist jut, gnädige Frau, ich werde es dem Herrn Direktor direkt sagen.« Aber weil sie wußte, daß die Gebieterin es niemals soweit kommen lassen würde, stand ihr dabei der offene Triumph auf dem feisten Gesicht geschrieben; denn Roderich, der große Feinschmecker, gab der Köchin stets das Zeugnis »Nummer eins« und betrachtete sie sozusagen als »Vizeherrin«, die um ihrer ausgezeichneten Kochkunst willen die größte Hochachtung und Nachsicht beanspruchen dürfe.

»Nun, was gibt's heute, Emil?« fragte der Bankdirektor seinen Diener, der, wie immer, bereits auf der Lauer stand, um dem Herrn Hut, Schirm und Geheimtasche abzunehmen.

Roderich hatte sich bereits hungrig an der gedeckten Tafel niedergelassen, die in der Mitte einen kleinen silbernen Aufsatz mit Früchten zeigte, aus dessen Kristallkelch ein einzelner Fliederzweig ragte. Trotzdem auf einem beigelegten Kärtchen die Speisefolge verzeichnet war, über die an jedem Morgen beim Kaffee zwischen den Ehegatten eine Einigung erzielt wurde, richtete Roderich jedesmal diese Frage an den Getreuen. Und Emil, dessen schlanke Figur sich vorteilhaft in der Hauslivree: braunem Schniepel mit silbernen Knöpfen und dunkelgrünen Aufschlägen, und dito Puffbeinkleidern mit grünen Wadenstrümpfen, ausnahm, schnarrte sofort das Menu herunter: »Champignon-Suppe, Steinbutt mit holländischer Sauce, frischen Stangenspargel mit Schinken und Pökelzunge, gefüllten Truthahn, Fürst Pückler, Butter, Käse und Radieschen.« Die Schmorfrüchte und den Salat erwähnte er nicht, denn beides stand bereits in Schalen auf dem Tisch.

»Schön, sehr schön,« sagte Roderich schmunzelnd, ungefähr mit der Miene eines Menschen, der etwas Angenehmes gern zum zweitenmal hört. Er hatte sich bereits die blütenweiße Serviette zwischen Hals und Kragen gesteckt, schob die zwei Morgenzeitungen beiseite, die er aus dem Geschäft gebracht hatte, und trommelte leise mit den Fingern auf dem Tischtuch, etwa wie ein verwöhntes, ungeduldiges Kind, das angepriesener Herrlichkeiten wartet.

Von dem Anrichteraum aus, der nebenan lag, ging ein Aufzug direkt zur Küche hinauf. Emil kehrte mit der dampfenden Suppe zurück und blieb erwartungsvoll stehen.

»Heute mal eine Deidesheimer — von dem Fünfundneunziger,« sagte Roderich wieder, während er schon zu löffeln begann. Aber er hielt ihn noch zurück. »Nichts Besonderes vorgefallen, oben?«

»Nichts Besonderes, Herr Direktor,« erwiderte Emil mit klugem Gesicht. Das ganze Personal wußte zwar von dem Krach am Vormittag, aber er hütete sich, etwas davon zu sagen, trotzdem ihm seine Offenheit hier unten nicht übel angerechnet wurde; aber um so mehr oben. Er hatte in dieser Beziehung seine Erfahrung hinter sich.

Er ging und brachte sofort den Kühler mit dem Riesling, der schon längst bereit stand; denn es war immer dieselbe Marke, die der Gebieter trank, wenn er auch tagtäglich danach verlangte, wie nach etwas Neuem.

»Was macht Fräulein?« fragte Roderich wieder, während Emil aufmerksam das Glas vollschenkte.