Als er hinter sich das Klappern von Tellern hörte, trat er wieder ins Zimmer. Emma, das Stubenmädchen, räumte die Tafel ab. Sie war nicht mehr jung, aber recht drall, mit stets roten Wangen, die immer wie verfroren aussahen und noch röter wurden, wenn man sie daraufhin ansah. Ihr strohgelbes Haar war nicht gerade die passende Umrahmung dazu, aber da sie es glatt gescheitelt hinter den Ohren trug, bekam sie dadurch etwas Würdevolles, das ihr viel Aehnlichkeit mit einem alten Kinde gab. Schon seit vier Jahren im Hause, hatte sie Rudi vom Knaben zum Jüngling heranwachsen sehen und viel von seinen Unarten zu ertragen gehabt, die sie aber stets durch ihre mecklenburgische Derbheit erwiderte.
Er begann mit ihr zu schäkern, indem er sie in Arm und Wange kniff.
»Lassen Sie ab von mir, das machen Sie man wo anders! Jawoll doch!« sagte sie unwirsch und drohte, sämtliche Teller fallen zu lassen. Seitdem sie einen herrschaftlichen Diener in der Nachbarschaft kennen gelernt hatte, waren bestimmte Grundsätze in ihr aufgestiegen, die sie nun rücksichtslos zu erkennen geben wollte.
Die Tür zum Nebenzimmer war auf. »Rudi, was soll denn das!« schallte Frau Roderichs Stimme herein.
»Der junge Här macht ja man bloß Spaß, Gnäd'ge,« rief Emma zurück. Und sie lachte auf, ohne eigentlich zu wissen, warum, und trug ihre schwere Last davon.
»Na, fliehen tut sie doch eigentlich auch vor mir,« dachte Rudi trotzdem befriedigt. »Nummer fünf!«
VII.
Da die Bank um fünf Uhr schloß, so kam der Bankdirektor erst um ein halb sechs Uhr nach Hause und tafelte dann allein, und zwar nicht oben im Familienzimmer, sondern unten im Gesellschaftsspeisesaal, wo er fast eine Stunde lang sechs Gänge zu sich nahm. Im ersten Stock »aß« man zu Tisch, im Parterre »dinierte« man, was sich bereits so sehr als Sprachgebrauch eingebürgert hatte, daß daran nicht zu rütteln war. Oben trug das Mädchen die Kost auf, unten ließ sich der Hausherr von Emil bedienen, der als eine Art Groom ins Haus gekommen war und sich allmählich zum Leiblakai entwickelt hatte, der nebenbei noch allerlei Verrichtungen im Hause tat und bei großer Ausfahrt in Galalivree neben dem Kutscher thronen durfte. Roderich hatte sich so an ihn gewöhnt, vor allem an seine Handreichungen als Kammerdiener, daß er ihn kaum noch zu missen vermochte und ihm sogar den Vorzug einräumte, gelegentlich über einen Witz, den er machte, mitlachen zu dürfen.
Der Bankdirektor war ein wohlerhaltener Herr in den Fünfzigern, mit einem runden, frischen Gesicht, in dem zwei kluge Augen stets suchend hin und her gingen, und das ein üppiger, aber schon stark ergrauter Schnurrbart zierte, allerdings unter einer Nase, die besser in ein anderes Antlitz gepaßt hätte, denn sie war ein wenig klein und weibisch, aber doch in einer klaren Linie mit der schön gewölbten Stirn vereint. Diese zierliche Nase war für Kenner entschieden das Zeichen dafür, daß Roderich senior keine wilden Leidenschaften besaß, vielmehr ein ruhiger, überlegender Mensch war, der seine bestimmten Ziele hatte und höchstens nebenbei noch ein unschuldiges Steckenpferdchen ritt.
Er aß und trank gut, rechnete noch besser und stritt sich eigentlich nur um Zahlen, wenn es jemals an das Streiten ging. Sein Scharfblick in kaufmännischen Dingen war bewundernswürdig, und es war wohl nur eine Frage der Zeit, daß man ihn zum Generaldirektor seiner Bank ernennen würde, falls der bisherige Allmächtige das Zeitliche gesegnet hätte, oder sich gänzlich ins Privatleben zurückgezogen haben würde, was bei seiner geringen Arbeitsfreudigkeit infolge eines Leidens zu erwarten war.