»O doch, gnädige Frau,« log Emil wieder. »Es sei auch nichts vorgefallen, sagte ich.«

»Es ist gut. Klopfen Sie wieder, wenn mein Mann mit dem Essen fertig ist! Lene kann es bestellen.«

»Jawohl, gnädige Frau.«

Emil wollte es mit keinem verderben, und so behielt er diese harmlose Unterhaltung, die er als eine ehrenvolle Auszeichnung betrachtete, stets für sich. Und wenn er auch die Wahrheit dabei ein wenig unterdrückte, so glaubte er das im Interesse von Hausfrau und Herr zu tun, die nicht unnötig zusammengeraten durften. Roderich, der das Gemurmel manchmal hörte, war der festen Ueberzeugung, daß derartige Gespräche nur die Köchin angingen.

Beim vierten Gang war die Berichterstattung des Dieners in der Regel erschöpft; er konnte die Speise und den Käse sofort auftragen und sich bis auf weiteres unsichtbar machen.

Nun saß der Bankdirektor ganz ungestört vor seinem gefüllten Truthahn und labte den Gaumen mit erquickendem Behagen. Das Speisezimmer lag nach dem hinteren Garten hinaus, zu dem man durch eine breite Flügeltür gelangte, deren obere Felder aus getrübtem bunten Glas bestanden, das butzenscheibenartige Figuren zeigte. Er hatte die Tür öffnen lassen, und so sah er durch den kleinen Holzvorbau das saftige Grün der Sträucher, aus dem die Steinfiguren sich weiß hervorhoben. Ganz hinten stand eine große Laube, umringt von Flieder, und davor auf einer Säule blinkte eine mächtige Spiegelkugel, in der sich hell ein Stück des blauen Himmels wiegte; und darunter zeigten sich unzählige Licht- und Farbentupfen, durch die ein blendender Blitzstreifen ging.

Hinter dem Hause lag Schatten, und so zog Kühle in den großen Raum, in dem das graugrün gebeizte Eichenholz der teuren Möbel das Auge ruhig stimmte. Selbst die rostbraune Tapete erhöhte nur diese vornehme Einheit, die entschieden von ausgeprägtem Geschmack zeugte. Alles war auf einen sanften Ton gestimmt, gedämpft wie der Tritt, der auf dem echten Perser über dem Dielenfilz leicht verhallte. In dem wohligen Dämmerlicht glänzten nur wenig die Lichter in den Zinnkrügen auf dem Prunkbuffet und in der matten Bronze des elektrischen Gehänges an der Decke.

Roderich blickte zwar in den Garten, aber er sah die Pracht des erwachenden Sommers nicht. Während er gleichmütig kaute, arbeitete sein Hirn fortwährend. Es waren immer Zahlen, die ihn beherrschten, die ganze Ziffernwelt des Tages, mit ihren Kursbewegungen und der Aufregung der neuesten Börsenvorgänge. Wer ihn so still beobachtet haben würde, hätte ihn für einen reichen Junggesellen halten können, der mit Ruhe sein üppiges Mahl einnimmt und höchstens still bedauert, daß die intimen Freunde nicht vorhanden sind, die die drei übrigen Lehnstühle um den zusammengeschobenen Tisch hätten besetzen können. Kein Laut umgab ihn, nur dumpf schallte wie von fern das Rollen der Straßenbahn herein.

Endlich war er gesättigt und drückte an dem Knopf der elektrischen Klingel, der über der Tafel hing. Emil kam wieder und brachte auf einem silbernen Tablett den Mokka in einem kleinen Täßchen, und die Abendzeitung, nach der Roderich noch im Stehen griff und sofort den Handelsteil überflog. Er gab dabei einen Wink, und der Diener zog den Teppichvorhang von dem schweren Türrahmen zurück, ließ seinen Herrn, der zu den übrigen Zeitungen und zu der Mappe gegriffen hatte, zuerst in den Nebensalon treten und folgte ihm dann in das kleine Arbeitskabinett, das vorn an der Straße neben dem Verandasaal lag. Roderich legte die Zeitungen auf den breiten Diplomatentisch, leerte im Stehen das Täßchen und ging dann, nun wieder allein, in das Zimmer nebenan und trat auf die Veranda, wo er mit Behagen die frische Luft einatmete und der Arbeit des Gärtners zusah, der an dem Prachtbeet beschäftigt war.

Kornelia kam von der Straße und nickte ihm grüßend zu.