Fröhlich, völlig überrascht, wollte höflich Einwendungen machen; Roderich jedoch durchschnitt die Worte mit einer großen Handbewegung.
Rudi, der ängstlich lächelnd hereingetänzelt gekommen war und den ahnungslosen Engel spielte, hatte sich unwillkürlich emporgereckt und verstohlen einen anmaßenden Blick auf den Verhaßten gesandt. Schon wollte er hochmütig das Wort von dem »kompletten Narren« in die Wageschale werfen, um offen einen Ausgleich herbeizuführen, als sein aufsteigender Zorn aber weiser Ueberlegung wich. Im Augenblick sagte er sich, daß dadurch eine neue Auseinandersetzung zwischen dem Vater und ihm entstehen würde, die jedenfalls nicht zu seinen Gunsten verlaufen wäre. Gut wenigstens, daß der Alte von der Haarnadelgeschichte und ihren Folgen noch nichts wußte.
So zeigte er sich denn bestrebt, die Sache mit ausgesuchter Liebenswürdigkeit zu behandeln, indem er nach berühmtem diplomatischen Muster die Gedanken hinter der Sprache verbarg — Gedanken, die Fröhlich jedenfalls mit der Bezeichnung »schwarz« benannt hätte, wenn er sie erraten haben würde.
»Aber sicher, Papa; wenn ich dem Herrn Kandidaten damit ein Vergnügen bereiten kann. Ich hatte nicht die mindeste Absicht, ihn zu treffen, oder ihn gar zu beleidigen. Du lieber Himmel, Papa —, das sind so Worte, die einem herausplatzen, ohne daß man sich dabei etwas denkt!«
Roderich verlor seine Strenge, denn es kitzelte ihn, festgestellt zu sehen, daß man in einem guten Hause lebe, wo selbst leichtfertige Söhne die Würde ihrer Eltern wahrten. »Ich dachte mir gleich, daß nur ein Mißverständnis vorliegen könnte,« sagte er lachend, gewissermaßen aufatmend.
Fröhlich war zwar anderer Auffassung, aber er wagte nicht, sich zu äußern. Immerhin erlebte er eine kleine Genugtuung, die jedenfalls seiner Stellung hier nur dienlich sein konnte. Im übrigen kam er sich doch wie ein gedrückter Mann vor, dem man eine große Auszeichnung versprochen hatte, und der nun ein Almosen empfing, das gerade dazu reichte, seinen Appetit im Augenblick zu stillen.
Rudi fühlte sich wieder in gehobener Stimmung. »Ausdrücklich spreche ich mein Bedauern darüber aus, falls ich falsch verstanden sein sollte,« näselte er bedenklich und schloß dann mit der spöttisch getanen Frage: »Sie sind doch damit zufrieden, Herr Kandidat?«
»Aber das ist doch selbstverständlich,« fiel ihm Roderich ins Wort. »Die Sache ist erledigt.« Dann, als er mit Fröhlich wieder allein war, der ihn noch zurückgehalten hatte, fuhr er gemütlich fort: »Na, darum war es Ihnen doch nur zu tun, nicht wahr? Und nun essen Sie doch wieder bei uns, wie? Mein Scharfsinn! Mit einem Schulmeister nehm' ich's noch auf.«
Er lachte behaglich und zündete sich eine der schweren Upmann an, die er mit Vorliebe rauchte. Sofort aber horchte er verblüfft auf, so daß er in der Zerstreuung sich an dem zu Ende gehenden Zündhölzchen fast die Finger verbrannt hätte.
Der Kandidat hatte heute seinen schwarzen Taillenrock an, der im zugeknöpften Zustande seiner schmiegsamen Figur stets etwas Feierliches gab. Er strich nach seiner Gewohnheit mit beiden Händen über die Hüften und wiegte sich wieder sanft auf den Fußspitzen, als wollte er den Anlauf zu etwas Außerordentlichem nehmen. Er war ein wenig rot geworden, weil er die Empfindung hatte, daß der Hausherr über die Bemerkung seines Sohnes etwas leicht hinweggegangen sei. Trotzdem die Vermutung Roderichs der Wahrheit entsprach, drängte ihn im Augenblick seine Selbstwürde dazu, das nicht zuzugeben. Und so wollte er die Notlüge lieber aufrecht erhalten, ehe er sich dem Triumphe des jungen Herrn auf die Dauer länger aussetze. Zwar bedeutete für ihn der Verzicht auf den Freitisch einen harten Verlust, aber er wollte die leibliche Bedrängnis lieber der seelischen vorziehen. Und so sagte er mit bestimmter Höflichkeit: »Ich bin Ihnen außerordentlich dankbar dafür, daß Ihr Feinsinn diese Aussprache herbeigeführt hat, zu der ich direkt niemals Veranlassung gegeben haben würde; denn mein ganzes Verhalten in Ihrem angesehenen Hause enthob mich wohl von vornherein der Annahme, Sie könnten die Ansicht Ihres Herrn Sohnes teilen. Ich muß jedoch bei meiner Bitte bestehen bleiben, weil sie durchaus der Tatsache entspricht.«