Der Kandidat hatte die Frage lächelnd durch ein rücksichtsvolles Kopfnicken bejaht, während Roderich schon mit dem Schlüsselbund spielte, um den kleinen Kassenschrank zu öffnen, in dem sich die Tagesgelder befanden. Er blickte aber erstaunt auf, als Fröhlich ohne weiteres begann: »Ich hätte heute eine ganz besondere Bitte an Sie, Herr Bankdirektor ... Ich möchte ganz ergebenst bitten, mich von dem Freitisch zu entbinden. Es hat sich nämlich ganz plötzlich die Notwendigkeit für mich herausgestellt, mit meinem Bruder, der, wie der Herr Bankdirektor ja wissen werden, hier das Gymnasium besucht, gemeinsam das Mittagessen einnehmen zu müssen.«

Wenn der Kandidat sich ganz besonders als Erzieher fühlte, so sprach er stets in wohlüberlegtem Satzbau, der aber diesmal unter der Unsicherheit seiner Stimme litt, so daß Roderich eine Ausrede dahinter witterte, was er ganz besonders aus der Tatsache schöpfte, daß der Blick Fröhlichs nicht wie immer geradeaus gerichtet war.

Ehe Roderich noch was sagen konnte, ergänzte Fröhlich seine Bitte durch aufrichtige Dankesworte für die ihm bewiesene stete Teilnahme.

Dann aber hielt der andere mit seiner Derbheit nicht zurück. »Schmeckt Ihnen das Essen nicht, Herr Kandidat?«

»Aber Herr Bankdirektor! Viel eher dürfte ich darüber klagen, daß man mich in dieser Beziehung stark verwöhnt hat.«

»Na, es könnte doch sein, Herr Kandidat,« fuhr Roderich leutselig fort. »Mir schmeckt's oben auch nicht. Vielleicht sehen Sie zuviel Sauerbrunnen auf dem Tisch? Oder vielleicht wird Ihnen das Essen immer zuviel versalzen?«

Fröhlich faßte das durchaus ernst auf. »Herr Bankdirektor dürften wohl wissen, daß das bei der vorzüglichen Küche im Hause unter der vortrefflichen Aufsicht der Frau Gemahlin ganz ausgeschlossen ist.«

»Na ja,« sagte Roderich wieder gedehnt. »Aber es gibt doch noch andere Arten von Salz als Kochsalz. Man kann einem den Geschmack auch durch Worte versalzen.«

Und als Fröhlich die Antwort darauf schuldig blieb und leicht betroffen auf den Teppich blickte, zögerte Roderich nicht länger und bat ihn, Platz zu nehmen, was der Kandidat bescheiden ablehnte, klingelte nach dem Diener und befahl ihm, seinen ältesten Sohn herzubitten.

Und als Rudi nach wenigen Minuten erschien, begann Roderich sofort kurz und gemessen: »Du hast gestern bei Tisch das schöne Wort ›Familiensklaven‹ gebraucht, und zwar in einer Andeutung, die der Herr Kandidat sehr wohl auch auf sich beziehen konnte. Wir leben nicht in Südamerika und sind keine Sklavenhalter. Ich glaube, Du vergibst Dir gar nichts, wenn Du mit einigen Worten Dein Bedauern aussprichst. Ich will dabei gleich bemerken, daß dieser Wunsch nicht von Herrn Fröhlich ausgeht, der auch nicht zu diesem Zwecke hier erschienen ist. Auf alle Fälle bitte ich Dich darum ... Ich möchte nicht, daß man an der guten Erziehung meiner Kinder zweifelte. Geld hat's mich wenigstens genug gekostet.«