Was für ein Unterschied zwischen dem Aeltesten und diesem! In einsamen Stunden, namentlich dann, wenn in seinem Privatkabinett in der Bank die Gedanken von den ewigen Zahlen unwillkürlich zu dem Bilde dieses zweiten Sohnes schweiften, empfand er leises Bedauern darüber, daß kaufmännische Eigenschaften Walter versagt zu sein schienen. Und dann gelobte er sich, der geistigen Entwickelung dieses Jungen keine Schranken entgegenzusetzen, nach welcher Richtung hin sie sich auch eines Tages zeigen sollte.

Fortwährend hörte man das elektrische Klingelzeichen hereinschallen. Wenn Frau Agathe bei der Toilette war, dann setzte sie das ganze obere Stockwerk in Bewegung. Heute schien sie besonders aufgeregt zu sein. Sie hatte vor einigen Tagen das Kammermädchen entlassen und noch keinen passenden Ersatz gefunden, und so mußte Emma vorläufig bei ihr und Kornelia diesen Dienst versehen. Die Mecklenburgerin stellte sich aber dabei etwas schwerfällig an. So gab es denn kleine Zornesausbrüche der Gnädigen, die zwar sanft sein sollten, aber doch deutlich genug für die ganze Familie waren. Agathes Ankleidezimmer lag zwar neben dem Schlafgemach, aber der letzte Firnis der Toilette wurde im Boudoir vollzogen, wo übrigens auch die Auswahl der Kleider erfolgte, sobald sie sich ungestört sah. Dann wurden ganze Berge von Seide und Spitzen durch das Balkonzimmer geschleift, und es gab ein ewiges Hin und Her der Füße. Kaum war die Dienerin fort, so wurde sie auch schon auf halbem Wege wieder zurückgerufen.

Kornelia konnte dann durch die verbaute Tür die Stimme der Mutter hören, die nicht zur Ruhe kam. Bald fehlte dies, bald jenes, und wenn die ganze Ungeduld der Gnädigen erschöpft war, klopfte es an der Verbindungstür, und Frau Agathe rief laut: »Neli, hast Du einen Augenblick Zeit?«

So sehr sie auch behauptete, mit ihrer Tochter durchaus keinen übereinstimmenden Geschmack zu haben, — ihre letzte Rettung blieb doch Kornelia, die ihr Urteil abgeben mußte.

Heute schien Aeffi ganz besonderen Anteil an dem Aerger seiner Herrin zu nehmen, denn er hatte ein Kläffkonzert angestimmt, das immer auf derselben Diskanthöhe blieb.

»Er scheint wütend über Deinen Aufsatz zu sein,« sagte Roderich lustig zu Walter. Kornelia jedoch hielt es für besser, den bekannten Zuruf nicht erst abzuwarten, sondern der Mutter jetzt schon in ihrer Pein beizustehen. Vorher jedoch gab sie ihrem Bruder heimlich noch ein Zeichen, das auf ihre Verabredung mit ihm Bezug hatte, dem Vater nichts von dem Streite des Kandidaten mit Rudi zu sagen.

An diesem Abend ließ sich der Aelteste vor seinen Eltern nicht mehr blicken; selbst auf die zwanzig Mark von der Schwester schien er verzichtet zu haben. Sein Gewissen mußte nicht ganz rein sein, und so kam er auch nicht zum Abendbrot, das man in der Familie pünktlich um acht einnahm, während der Hausherr, der sonst noch spät zu arbeiten pflegte, sich gegen Mitternacht an einem kalten Nachtgericht labte.

Erst am andern Morgen suchte Rudi Neli gleich auf, knöpfte ihr wirklich noch die Doppelkrone ab, die sie sich am Abend vorher von dem Vater hatte geben lassen, um ihr Wort zu halten, und sagte: »Das hätte ich wissen sollen, daß die Alten noch weggingen, dann hätte ich das schöne Geld fürs Abendbrot sparen können. Ich weiß ja, Ihr petzt alle.« Er wurde aber sogleich wieder fidel, als er dahinter kam, daß die Luft rein war, wenigstens um den Vater herum. Aber schon nach einer Viertelstunde fiel er aus allen rosigen Wolken.

Fröhlich war kaum erschienen, als er sich bei dem Hausherrn, der bereits unten in seinem Arbeitszimmer war, durch Emil anmelden ließ; er hatte deswegen erst gar nicht den Weg zum ersten Stockwerk genommen. Roderich, der nur auf das Vorfahren des Wagens wartete, der ihn zur Bank bringen sollte, war durchaus nicht überrascht, denn es kam vor, daß der Kandidat, der noch einen jüngeren Bruder zu unterstützen hatte, in die Lage kam, um einen Vorschuß zu ersuchen, der ihm auch stets bewilligt wurde. Roderich, der selbst eine harte Jugend hinter sich hatte, half ihm dann jedesmal durch feines Verständnis über die Verlegenheit hinweg.

Heute wollte er ihm das Bittgesuch ganz besonders erleichtern, indem er ihn mit den Worten empfing: »Wie geht's Ihnen, Herr Kandidat? Ich bin sehr zufrieden mit dem Fortschritt meines Sohnes. Immer nur so weiter. Ganz ausgezeichnet — der Aufsatz gestern! So ein Thema liebe ich. Wie sagt doch Schiller? —: ›Greift nur hinein ins volle Menschenleben!‹ Oder ist's von Goethe? Die beiden hab' ich immer verwechselt ... Es kann ja zur Abwechselung auch einmal das volle Tierleben sein, nicht wahr?«