Roderich ging indessen in das Unterrichtszimmer, wo er sich nach Walters Fortschritten erkundigen wollte, was er jeden Abend tat. Als er ihn aber nicht vorfand, witterte er ihn bei Kornelia und traf ihn dort auch an, damit beschäftigt, seinen Aufsatz vorzulesen. Er gab ihm einen Wink, ruhig fortzufahren, setzte sich und hörte schweigend zu.

»Ausgezeichnet, ausgezeichnet,« sagte er dann zum Schluß und nahm das Heft entgegen, in das Fröhlich bereits ein »Recht gut« eingetragen hatte. »Diese Tiergeschichte ist ja sehr interessant. Woher hast Du das eigentlich?«

»Die reine Novelle, was?« fiel Kornelia ein.

»Du gibst also dem Hunde den Vorzug, ganz mein Fall,« fuhr der Bankdirektor fort. »Wenn ich Dir auch über den Ziehhund nicht beistimmen kann. Es gibt doch noch Rassen, die edler sind. Die Affenpinscher scheinst Du gar nicht leiden zu können. Das laß nur Mama nicht lesen!«

»Warum denn nicht?« wandte Walter keck ein. »Aeffi ist doch eigentlich ein Faultier, das sich zwecklos in seinem Korb herumsielt.«

»Um Himmels willen! Junge!« Unwillkürlich sah sich Roderich nach der Tür um, als könnte die Hausherrin unbemerkt eingetreten sein. Dann aber lachte er aus vollem Halse, vergnügt über diese Auffassung. »Aeffi macht doch aber Mama große Freude, das ist eben sein innerer Wert,« sagte er wieder zur Beruhigung.

Walter wurde lebhaft. »Aber Du sagtest doch oft, daß der eigentliche Wert des Lebens in der Arbeit bestände. Na, — und so bin ich auf den Gedanken gekommen. Du bist doch auch ein fleißiger Mann.«

In seiner klugen Art erzählte er, wie er im vergangenen Sommer im Juni, bei großer Hitze, eine arme Frau auf der Straße gesehen habe, wie sie mit ihrem Ziehhund zusammen einen kleinen Wagen zog und an einem Brunnen unter liebevollen Worten ihn tränkte. Das sei ihm so rührend vorgekommen, daß er es nicht vergessen habe. Gewiß sei dieser große starke Hund, der schon die Zunge heraushängen ließ, das ganze Vermögen der armen Frau gewesen.

»Ich will Dir nur sagen,« sprach er eifrig weiter, »ich wollte damit dem Herrn Kandidaten eine Freude bereiten. Das hat ihm denn auch ganz besonders gefallen ... Er kam mir ebenfalls wie ein geplagtes Haustier vor, als ich sah, wie er sich mit Hans und Trudchen herumärgern mußte. Hans trat ihm fortwährend auf die Stiefel. Und zum Dank hatte der Kandidat immer nur hübsche Worte. Das braucht er doch eigentlich nicht zu machen, er ist doch nur für mich angestellt. Aber das tut er gewiß nur, weil er so arm ist.«

Roderich erwiderte darauf nichts, sondern nickte nur still vor sich hin, innerlich ein wenig beschämt darüber, vorhin erst zu dem Diener anderer Meinung gewesen zu sein. Dann aber meinte er, daß so etwas ja nicht alle Tage vorkomme, Walter brauche sich darüber nicht aufzuregen. Aber er zog ihn an sich, nahm ihn zwischen die Knie und fuhr mit der Hand über sein blasses Gesicht. Er liebte diesen Jungen ganz besonders, und es war sein innerer Schmerz, daß dieser ehrliche Geist in einem so mißgestalteten Körper steckte, der sich wie eine verkrüppelte Blume ausnahm, die trotz alledem ihren herrlichen Duft spendete.