»Du bist ja der reine Sozialdemokrat,« keuchte sie hervor.
Roderich blieb kalt. »Nimm mir's nicht übel, liebe Agathe, aber manchmal weißt Du nicht, was Du sprichst. Gut, daß kein Fremder das hört! Du bist doch sonst so stolz auf den Titel ›Frau Bankdirektor‹. Ob das nun gerade nach der heutigen Auffassung sozialdemokratisch klingt — weiß ich nicht ... Uebrigens zeigst Du Dich dem Kandidaten gegenüber auch nicht besonders stolz, — im Gegenteil, Du zeichnest ihn aus, was ich Dir gar nicht zum Vorwurf machen will. Du kennst meine freie Auffassung in dieser Beziehung.«
Sie stammelte erst ein wenig, fand aber dann gleich den Fluß der Sprache wieder. »Das ist doch ein Mensch von hoher Bildung, ein Lehrer, ein Erzieher, überhaupt ein gesellschaftsfähiger Herr! Er kann Gymnasialdirektor werden, sogar Universitätsprofessor. Er stellt sozusagen den Salon vor, Fräulein die Hinterstube.«
Sie trat auf ihn zu und zeigte ihm die Miene einer tief beleidigten Frau. »Willst Du mir vielleicht diese harmlosen musikalischen Stunden nicht mehr gönnen? Was habe ich denn sonst vom Leben? Du bist den ganzen Tag auf der Bank, kommst nach Hause, ißt Deine zwölf Gänge für Dich, und —«
»Sechs, liebe Agathe,« warf er gutmütig ein. »Davon sind eigentlich nur drei richtig zu würdigen.«
»— und läßt Dich dann nach einer Stunde sehen,« beendete sie ihren Satz. »Ich habe mir dann schon gründlich die Galle voll geärgert, den Tag über.«
»Du nimmst eben alles zu tragisch.«
»Was übrigens Fräulein betrifft, so kann ich Dir nur sagen — sie hat sich wirklich gründlich verstellt. Obendrein den Arzt getäuscht. Es ist gar nicht so schlimm, fast schon alles vorüber. Morgen wird sie schon aufstehen können.«
»Na also, — freue Dich doch!« sagte er vergnügt, zog sie kräftig an sich und gab ihr vorsichtig einen Kuß, was sie sich erst mit geheucheltem Widerstreben gefallen ließ. Allmählich wurde sie aber wirklich ruhig und unterdrückte sogar die Tränen, die sie bei derartigen Gelegenheiten immer bereit hatte. Dann machte er den Vorschlag, später auf ein Stündchen in den Zoologischen Garten hinüberzugehen, und zwar mit Kornelia, oder auch nur zu zweien, wie sie es wünsche. Man könne ja auf der Terrasse noch gemütlich eine Bowle trinken und das Konzert einmal in der Nähe anhören.
Die Aussicht, heute noch in großer Frühjahrstoilette glänzen zu können, mit sämtlichen Brillanten, stimmte sie rasch versöhnt, und so ging sie gleich an die nötigen Vorbereitungen, die stets eine geraume Zeit in Anspruch nahmen.