Er war keineswegs eitel darüber, denn gleich bewegten ihn ganz andere Gedanken, als er mit großen Schritten den üblichen fünf Minuten langen Verdauungsmarsch durch den Verandasaal unternahm. Rudi machte ihm zu schaffen, dieser ungeratene Junge, der noch nichts war, nichts werden wollte, dabei eine Pfiffigkeit besaß, die einer besseren Sache würdig gewesen wäre. Ein halbes Jahr lang hatte er ihn in seiner Bank gehabt, wo er sich aber so träge und unausgeschlafen gezeigt hatte und außerdem den Kollegen gegenüber so hochfahrend gewesen war, daß er ihn aus diesem Volontärdienst wieder herausnehmen mußte, unter dem Vorgeben, er habe andere Pläne mit ihm. Rudi hatte sich zu sehr als Sohn des Bankdirektors gefühlt, und wenn nun Roderich sich alles genau überlegte, so war er selbst schuld daran, denn er war viel zu nachsichtig gegen ihn gewesen. Dann hatte er ihn in eine Fabrik geschickt, aber nach einigen Wochen war die Herrlichkeit auch hier beendet.
Neuerdings trug sich der Hoffnungsvolle mit dem Gedanken, eine sogenannte Fähnrichspresse zu besuchen, um den Ausschuß dort zu vermehren. Auf diese Art war er bereits zum Einjährigen-Zeugnis gedrillt worden, und so wäre vielleicht die Aussicht vorhanden, ihn endlich in eine vernünftige Bahn gelenkt zu sehen. Roderich glaubte zwar noch nicht recht daran, aber auf alle Fälle war er neugierig, wie sich der Lebensweg des ältesten Stammhalters noch entwickeln würde.
VIII.
Als er dann hinaufging und seine Frau begrüßte, geriet sie sofort außer sich. Emil hatte ihr pflichtgemäß durchgetutet, daß der Herr sein Diner beendet habe und jedenfalls gleich erscheinen werde; jedoch sei das gnädige Fräulein noch bei ihm. Agathe hatte es gerade im letzten Augenblick erfahren, als ihr Mann die Wendeltreppe emporstieg. Sofort glich ihre Erregbarkeit einem kleinen Raketenfeuer von Worten.
»Adolf, Ihr habt wieder etwas miteinander, — gegen mich natürlich! Neli hat mich wieder verklatscht, nicht wahr? Wie kommt sie überhaupt dazu, Dich vor mir zu begrüßen? Und ich darf keinen Muck sagen. Aber Du ziehst Deine Kinder immer vor, sie zumeist. Ich bin wirklich ein unglückliches Weib. Tief zu beklagen!«
»Hysterisch bist Du,« wollte er erwidern, unterdrückte aber diese Worte aus Zartgefühl. Um so offener war er mit seiner anderen Meinung. »Da habe ich wieder den schönsten Empfang nach des Tages Last und Mühen, und da wunderst Du Dich noch, wenn ich unten wenigstens ein paar Stunden lang vor diesen ewigen Nadelstichen bewahrt sein möchte?«
Sie fegte noch einmal so schnell mit der Schleppe über den Teppich vor dem geöffneten Klavier. Schrill lachte sie auf. »Was ich aber am Tage hier für Nadelstiche bekomme, das bedenkst Du nicht! Ich brauch' es Dir wohl nicht erst zu sagen, Neli wird Dir schon alles zugetragen haben!«
Er beruhigte sie, indem er die Ausrede gebrauchte, er habe sich nur nach dem Befinden Fräuleins erkundigen wollen. Er könne es nur billigen, daß man den Arzt geholt habe, was übrigens frühzeitig hätte geschehen müssen.
Es wallte aufs neue in ihr auf. »Siehst Du, nun kriege ich's! Das soll doch nur ein Vorwurf gegen mich sein! Das ist ja schon die reine Freundschaft zwischen Neli und dem Mädchen!«
Der Bankdirektor hob die Schultern. »Was Du Dich bloß darüber ereiferst. Menschliche Teilnahme braucht doch noch nicht Freundschaft zu sein. Hübsch von Neli, daß sie sich als gebildetes Mädchen zeigt. Bildung verpflichtet zu anständiger Behandlung der Menschen, die von uns abhängig sind.«