Einen Augenblick legte sie wie zum Trost ihren Kopf an seine Schulter, dann traten sie untergefaßt in sein Kabinett, während durch die offene Tür des Balkonzimmers im ersten Stockwerk ein herzzerbrechender Triller seinen Ausweg fand. Er nahm Platz und zog sie auf seine Knie. Liebevoll blickte er ihr in die Augen. »Nun sieh mich mal an,« sagte er, »was gibt's denn? Etwas Besonderes passiert? Mir scheint's beinahe so. Na, Du wirst ja ganz rot?«
Wirklich war ihr die Röte ins Gesicht gestiegen, weil sie an die Begegnung mit Fannys Bruder dachte. Vergnügt lachte sie ihn an. »Rot? Ich spüre nichts. Aber aus Deinen Wangen könnte man den schönsten Krapp machen. Dir hat wohl das Essen wieder kolossale Anstrengung gemacht, wie? Weißt Du — so ein Diner von sechs Gängen jeden Tag — ich könnte es nicht, Papa.«
»Dafür frühstücke ich auch fast gar nicht. Uebrigens ist das noch das einzige Vergnügen, das ich habe — außer der Arbeit.«
Seine traurige Miene wirkte komisch, so daß ihre Heiterkeit sich steigerte. »Na, mich hast Du doch auch noch.«
»Aber natürlich doch. Und Walter dazu — überhaupt Euch alle. Redensarten, wenn man so etwas sagt. Im Grunde genommen liebe ich Mama immer noch so wie früher, wenn sie nur nicht so nervös wäre. Wetterwendisch in ihren Launen, kribbelig bei jeder Gelegenheit. Ruhe herrscht immer nur zwischen uns beiden, wenn wir uns nicht sehen. Dir kann ich's ja sagen, Du bist ein vernünftiger Kerl. In dieser Beziehung bist Du ganz mein Schlag ... Ist der Kandidat noch oben?«
»Denk' Dir nur, diesen Nachmittag hat er abgesagt, er schützte einen nötigen Besuch vor. Mama mußte sich selbst begleiten.«
»Daher auch die falschen Noten.«
Sie erzählte ihm die heutigen Vorgänge bei Tisch, ohne den Vorfall am Vormittag zu berühren, weil sie wußte, daß ihr Vater dann rücksichtslos Rudi eine Szene gemacht hätte, die alles verschlimmert haben würde.
Durch das offene Fenster hörte man das Sprechen der Kleinen, die mit dem Mädchen gerade ankamen. Roderich ließ sie herein, herzte und küßte sie und wollte sie dann gleich von hier aus hinaufschicken. Kornelia jedoch gab Emma einen Wink, wieder durch den Garten zum Seiteneingang zu gehen. Sie ging gleich mit, damit ihre Mutter nicht wissen sollte, daß sie zuerst den Vater begrüßt hatte.
Es klang fast ingrimmig, als Roderich lachend sagte: »Wir sind doch eigentlich ganz merkwürdige Menschen. Unsere Familie könnte sich sehen lassen. Einer ist auf den anderen eifersüchtig, wenn man mit mir zuerst spricht. Eigentlich könnt' ich mir darauf etwas einbilden.«