Als dann Fröhlich die Universitätszeit glücklich beendet hatte und nun in den schönen Zustand eines Hungerkandidaten kam, den er gern mit einem Lebenstümpel verglich, auf dem man fortwährend im Kreise herumrudert, ohne den Ausweg zu finden, machte er als sogenannter fester Hauslehrer die sonderbarsten Erfahrungen. Er wollte gern in Berlin und Umgegend bleiben, schon des Bruders wegen, und so mußte er Zumutungen über sich ergehen lassen, wie sie das große Angebot einer Riesenstadt mit sich bringt.

Er sollte bei gewissen Zöglingen hin und wieder den Schwamm anwenden, wenn sie sich unerwarteterweise das Gesicht beschmutzt hätten; sollte sich in einer andern Stellung als Heilkünstler für angeborenes Stottern zeigen und zugleich den Nachweis führen, ob er auch schwimmen könne, da es notwendig sein werde, den Schüler während des Sommers in die Badeanstalt zu begleiten. Ja, ein früherer biederer Bäckermeister, der sich als Rentier in einem Vorort zur Ruhe gesetzt hatte, machte den dauernden Aufenthalt in seinem Hause davon abhängig, daß Fröhlich das Zitherspielen erlernen müsse, da der spätere Erbe durchaus Neigung zu diesem Instrument habe und sein musikalisches Talent darin ausbilden wollte. Daß sonst noch besondere Familienwünsche nebenbei liefen, hing wohl mit den unerschöpflichen Zeitansprüchen zusammen.

Die Fräulein Töchter verlangten englische und französische Konversationsstunden, unentgeltlich natürlich, höchstens gegen eine Einladung zum kalten Aufschnitt, und gelegentliches Besorgen der neuesten Walzernoten. Und auch die wohlerzogene Frau Mama fand es nicht unbillig, wenn der Herr Kandidat gelegentlich eines Damenkränzchens seine Fingerfertigkeit auf dem Klavier zur Belustigung der Gäste freundlichst beweise. Einmal erlebte Fröhlich sogar die Ueberraschung, daß der Hausherr, ein früherer Apotheker, der von seinem Rentensitz aus große Grundstücksspekulationen trieb, ihm das Vertrauen schenkte, zwischen vier und sechs Uhr nachmittags die umfangreiche Korrespondenz mit erledigen zu helfen, wofür dann in Gnaden hin und wieder ein Abonnementsbillet für das Opernhaus bewilligt wurde.

Endlich kam Fröhlich durch Empfehlung in das Haus Roderichs, das er nach unruhiger Irrfahrt wie einen kleinen Hafen betrachtete, in dem er vor zu argen Lebensstürmen bis auf absehbare Zeit bewahrt bleiben würde. Zwar wurde er auch hier nicht fürstlich belohnt, aber die hundertzwanzig Mark monatlich reichten doch, sein und des Bruders Dasein zu fristen. Er war bedürfnislos, und der Schüler hatte noch weniger Ansprüche ans Leben zu stellen, und so erschien ihm die Zukunft sonnenreicher denn je. Die kleinen Aergernisse, die ihm auch hier bereitet wurden, nahm er gern in den Kauf, denn er hatte in dem Bankdirektor einen Mann von Gesinnung gefunden, der seine Fähigkeiten zu schätzen wußte und in ihm stets den gebildeten Mann sah.

Nun aber waren plötzlich neue Aufregungen an ihn herangetreten, die mehr den inneren als den äußeren Menschen beschäftigten.

Eine starke Neigung zu Fanny Frank hatte ihn erfaßt, die ihm unerwartet Herzensnot brachte, weil er nicht wußte, ob er auf Gegenliebe rechnen durfte. Schon seit Wochen hatte er diese Umwandlung in seinem Wesen empfunden, die ihm den Wert des Lebens von einer neuen Seite offenbarte. Und als er Fanny gestern in ihrer holden Verwirrung vor sich sitzen sah, wie ihr Pflichtgefühl jedes andere Bedenken verdrängt hatte, war der heiße Wunsch nach ihrem ehrbaren Besitz wie eine elementare Bewegung in ihm rege geworden, so daß er die Arme hätte ausstrecken mögen, um sie an sich zu ziehen und ihr das in innigen Worten zu sagen.

Und noch viel mehr hatte er diesen sengenden Trieb empfunden, als Rudi dazwischentrat und mit häßlicher Lebensauffassung seine reine Achtung vor ihr zu trüben versuchte. Er hatte Worte des Zornes unterdrückt, hatte sich unter glatter Höflichkeit bemeistert, trotzdem er sich im Augenblick nicht mehr als bloßer Hausgenosse von ihr gefühlt hatte, sondern als der Mann, der sich durch seine Liebe schon zu jeder Abwehr berechtigt glaubte.

Als er jetzt aber die Treppe zu seiner Wohnung emporstieg, konnte er nicht sagen, daß er unzufrieden mit dieser Wendung sei. Er hatte immer mehr an eine Bestimmung als an einen Zufall im Leben geglaubt, und so faßte er es auch jetzt als eine weise Fügung des Schicksals auf, daß er die allzu familiären Beziehungen zum Hause Roderich gelöst hatte. Er brauchte sich nicht mehr der Gefühlstyrannei der Hausherrin auszusetzen, konnte nun über den ganzen Nachmittag verfügen und seine Zeit besser verwenden, als schlechten Gesang zu unterstützen und eine Augensprache zu empfangen, der er kein Verständnis entgegenbringen konnte.

Er war sich immer wie ein erwachsener gehorsamer Schüler vorgekommen, der zu einer außergewöhnlichen Lektion befohlen wurde und der niemals zu widersprechen wagte, aus Furcht, er könnte sonst auf irgend eine Art bestraft werden. Nun aber fühlte er sich sozusagen der verliebt geschwungenen Zuchtrute entlaufen, und konnte, wenn auch mit leerem Magen, zum ersten Male frei aufatmen. Seine größte Freude war, sich nun schon am Nachmittage mit seinem Bruder beschäftigen zu können, der bereits in Quarta saß und ein sehr fleißiger Schüler war. Als er aber in sein Zimmer trat, fand er ihn nicht mehr vor, denn heute nachmittag war Schule, woran Fröhlich in seiner Zerstreuung nicht gedacht hatte.

Frau Rettig, die ehrsame Witwe eines Magistratsbeamten, die sich durch »möblierte Herren« ernährte, wunderte sich sehr, ihn schon um diese Zeit zu Hause zu sehen. Als gute Herbergsmutter, die gern ihre Zunge in Bewegung setzte, wenn es galt, die Neugier zu befriedigen, fragte sie sofort: »Nanu, Herr Kandidat? Heute so früh? Die Herrschaften haben wohl zeitiger gegessen?«