Fröhlich geriet in Verlegenheit. Während des Jahres, wo er hier wohnte, hatte er den Mittagstisch bei Roderichs stets derartig gelobt, daß Frau Rettig oftmals die Hände zusammenschlug und ausrief: »Immer drei Gerichte? Besser können Sie's ja gar nicht haben! Das halten Sie nur fest!«
Als treue Kreditgeberin des Kandidaten in Zeiten, wo er nicht pünktlich die Miete bezahlen konnte, die überdies sonst in alle kleinen Leiden der Brüder eingeweiht war, glaubte sie die Berechtigung zur großen Offenheit zu haben.
Kandidat Fröhlich nickte nur zur Bestätigung und meinte, daß er heute einen notwendigen Besuch wegen einiger Nachhilfestunden bei einem Sekundaner zu machen habe, der endlich nach Prima versetzt werden wollte. Er könnte diesen Unterricht auf den Abend verlegen, und so würde er das gerne mitnehmen. In der Tat erwartete man ihn zu einer Besprechung, aber erst um sechs Uhr. Er half sich jedoch mit dieser Ausrede, weil er noch nicht den Mut hatte, mit der Wahrheit herauszukommen. »Nun, was hat's denn heute bei Ihnen gegeben?« fragte er, um sie auf andere Gedanken zu bringen.
»Bratwurst mit Quetschkartoffeln. Bruno hat wieder tüchtig eingehauen.« Das sagte sie jedesmal, um damit anzudeuten, wie gering eigentlich der Pensionspreis im Verhältnis zu ihrer Beköstigung sei; aber es geschah mehr harmlos als bösartig.
Kandidat Fröhlich hatte die Bratwurst bereits gerochen, denn in dieser kleinen Wohnung, wo die Küchentür selten geschlossen wurde, lag der Geruch des Essens fortwährend in der Luft. Er blähte verlangend die Nasenflügel, etwa wie ein armer Reisender, der zwischen Tür und Schwelle steht und doch nicht wagt, einen bescheidenen Wunsch zu äußern. »Er hat wohl wieder alles aufgegessen, wie?« fragte er lachend, aber lauernd.
»Alles reine weggeputzt, Herr Kandidat,« gab Frau Rettig eifrig zurück. »Es war man heute wenig, die alten Kartoffeln werden schon schlecht. Ich hätte gerne auch noch mehr gegessen.«
Kandidat Fröhlich wußte nun, daß nichts mehr zu erwarten gewesen wäre, selbst wenn er jede Scheu überwunden haben würde. Zwar hätte es nur eines Wortes bedurft, um die biedere Wirtin einige Eier in die Pfanne schlagen zu lassen, aber dann wäre er doch gleich in lange Auseinandersetzungen mit ihr geraten, die er in seinem heutigen Zustand fürchtete. Er bestellte sich eine Tasse Kaffee, und las den Brief der Frau Pastor, der während seiner Abwesenheit eingetroffen war. Zu Hause ging alles gut, und so fühlte er sich wenigstens seelisch gestärkt, während der Magen allerdings darauf keine Rücksicht nahm, sondern seine Leere nach dem Genuß des cichorienreichen Getränkes erst recht ankündigte.
Kandidat Fröhlich zählte seine Barschaft nach, die noch aus dreiundfünfzig Pfennigen bestand, und beschloß, in der frischen Luft draußen zu erwägen, was für Herrlichkeiten er durch das Aufheben jeglichen Standesvorurteils bei einem Bäcker und Schlächter erstehen könne. Rasch griff er wieder zum Hut, zu den Zwirnhandschuhen und zum unvermeidlichen Regenschirm, der erst unlängst einen neuen Griff erhalten hatte, und schritt, wie immer stolz und kerzengerade, über den mit schönen Gartenanlagen ausgestatteten Hof, wie ein Mann, dem niemand es ansehen konnte, daß er sich mit wenigen Nickeln auf Umwegen sein trockenes Mittagessen einkaufen wolle.
X.
Kandidat Fröhlich ging in eine Nebenstraße, zum Bäcker und zum Schlächter. Er wollte sein ganzes Vermögen nicht auf einmal verschwenden, und so kaufte er sich nur für zwanzig Pfennig Wurst und zwei trockene Schrippen dazu, womit er vorläufig die Magenbestie beruhigen zu können glaubte, dann, als die Frage an ihn herantrat, wo er die sorgfältig eingewickelten Speisen ohne Aufsehen werde verzehren können, war er keinen Augenblick in Verlegenheit.