Da es öfters vorgekommen war, daß er mit seinem Schüler Walter Roderich den Zoologischen Garten besuchte, um auf einem Spaziergang die mündlichen Lektionen vorzunehmen und damit die Stärkung des Körpers zu verbinden, so hatte ihm der Bankdirektor eine Abonnementskarte gestiftet, die er stets in der Brieftasche bei sich führte. Zwar galt sie nur in Begleitung des Zöglings, aber der Billetabnehmer kannte ihn bereits und ließ ihn aus Gewohnheit durch.
Der Nachmittag dieses Maientages war besonders schön, denn es hatte in der Nacht wieder geregnet, und so war die Luft milde und abgeklärt. Fröhlich kannte einen stillen Winkel, wo auf einer kleinen Anhöhe unter einem Baume versteckt eine Bank stand, die er auch unbesetzt fand, da dieser Teil des Parkes, der auf Charlottenburg zuging, an Wochentagen weniger besucht war. Der breite Strom zog der anderen Seite zu, nach Berlin hinüber, wo bei den Klängen der Musik das große bunte Leben sich entfaltete.
Der Kandidat setzte sich, blickte erst nach rechts und links und begann wie ein Tagelöhner aus dem Papier heraus Wurst und Schrippen zu verzehren. Hin und wieder näherten sich Fußtritte, dann verbarg er rasch das Essen und spielte den verlorenen Träumer, von heimlicher Angst erfüllt, es könnte jemand neben ihm Platz nehmen und ihm den Appetit verderben. Aber er hatte Glück und blieb ungestört.
Vor ihm lag die abgeschlossene Gärtnerei, die bis an den Außenzaun ging. Darüber hinweg konnte er auf die Hardenbergstraße und deren Paläste blicken. Im hellen Sonnenglanz tobte das Leben Charlottenburgs, gleichsam wie ein vielköpfiges, noch sanft grollendes Ungeheuer, das erst zu tosendem Lärm überging, sobald es sich in die Straßenfluten Berlins ergoß. Unaufhörlich sandten die Stadt- und Fernzüge aus der Halle ihr Fauchen herüber, um dann über die Köpfe der Menschen hinweg hinter den Häusern zu verschwinden, als hätten die Mauern sie verschlungen. Heller und dunkler Qualm schlug zur Erde hernieder und verflog wie ein Heer von Flocken an den scharfen Kanten der Häuser.
Die elektrischen Wagen heulten an den Kurven und gaben gellend ihr Klingelzeichen, dazwischen erschallte klirrendes Wagengerassel, begleitet von dem gleichmäßigen Geklapper der Pferdehufe. Und dann ertönte aus der Luft herunter das dumpfe Glockenläuten der Wilhelms-Gedächtniskirche, wie herabschwebendes Riesensummen aus lichten Höhen, das den irdischen Lärm zermalmen wollte.
Lange klang es dem Kandidaten in den Ohren wieder, wie ein Ruf zu stiller Betrachtung. Er hatte mit Heißhunger gegessen und war nun fertig. Die Glocken ließen seine Gedanken zurückschweifen in die stille Heimat zur Dorfkirche, in der sein Vater so oft den Segen gesprochen hatte. Und der Spruch des Alten fiel ihm ein, den er ihm im Stammbuch zur Begleitung auf allen Wegen mitgegeben hatte: »So du dein Brot in Frieden ißt, laß es trocken sein und beneide nicht den, der glücklicher als du, es in Unfrieden ißt.« Und seine Mutter hatte hinzugefügt: »Fürchte nicht die Menschen, sondern fürchte dich!«
Kandidat Fröhlich wurde es weich zu Mute und unwillkürlich streckte er die Hände aus, als wollte er etwas fassen, was nicht da war, den Toten und die Lebende, beide zugleich, die ihm die große Heerstraße durch das Leben gezeigt hatten, auf der in jeder Station dasselbe steht: »Sei neidlos und harre aus!«
Gefestigt erhob er sich, denn schon war er nahe daran gewesen, mit dem Schicksal zu hadern, das dem einen den Ueberfluß gab und dem andern die Entbehrung. Ein Buchfink schlug sein Lied ihm zu Häupten, und hinter dem Zaune auf einem Obstbaum begann Frau Nachtigall sanft zu flöten, schmollend, mit der Rührung einer Vogelbraut, die das ferne Männchen lockt. Und es war merkwürdig, daß der Kandidat plötzlich an Fanny dachte, und der heiße Wunsch in ihm rege wurde, ihr hier zu begegnen. Und plötzlich durchzuckte ihn ein wonniger Schreck, als ihm einfiel, daß er am Vormittag gehört hatte, sie fühle sich zum Aufstehen schon genügend gekräftigt.
Er schritt langsam unter den Bäumen dahin, und machte hier und da vor den Tieren Halt. Besonders lange betrachtete er die Giraffe, die ihm stets als eines der merkwürdigsten Naturwunder vorgekommen war, dazu geschaffen, hochmütig über alle Nebentiere hinwegzublicken, um dafür von dem Löwen gestraft zu werden, den sie beim unfreiwilligen Wüstenritt wegen ihres langen Halses niemals erreichen konnte. Ein magerer Predigtamtskandidat seiner Heimat fiel ihm ein, der gerade so auf der Kanzel seinen dürren Hals reckte, und stets nach zwei Seiten zu äugeln schien, wenn er die Wirkung seiner Kinderstimme abwarten wollte. Fröhlich machte seinem Namen Ehre und vergnügte sich innerlich. Aber sein heimliches Lachen erstarb wie durch einen Ruck. Bekannte Stimmen schlugen an sein Ohr.
»Herr Rudi, ich wünsche diese Belästigungen nicht mehr. Ich sage es Ihrer Mama.«