»Pfui, das ist nicht schön von Ihnen.«

»Ich hätte mich an ihrem Duft berauscht. Scherz beiseite — kommen Sie, ich will Ihnen den wahren Grund sagen.«

Neugierig folgte sie.

Fröhlich sah es, als er endlich wagte, sich umzublicken. Er hatte ihnen den Rücken zugekehrt, eingekeilt zwischen anderen Neugierigen, die nun in Scharen den weiten Käfig umstanden. Es war lebhafter im Garten geworden, und so sammelten sich die Menschen schon in Gruppen. Rudi und Fanny hatten hinter dem Kandidaten gestanden, ohne ihn zu sehen und von den andern beachtet zu werden, die nur Sinn für die Tiere hatten. Er aber war die Stimmen nicht mehr losgeworden und hatte nur ihnen sein Ohr geliehen.

Nun sah er die beiden dahinwandeln, wie sie in den Menschenlücken wieder auftauchten und verschwanden und er sah Fannys helles Kleid flattern, in der Sonne ihr Haar glänzen unter dem dunklen Strohhut. Ihr Gang hatte etwas Schwebendes, Leichtes und Verlockendes. Und der andere schritt neben ihr, lässig und keck, wie jemand, der sich herabläßt, mit einem Mädchen zu gehen. Und wenn er die Arme erhob und das dünne Stöckchen schwang, sah es aus, als tändelte er mit ihr.

Kandidat Fröhlich war alles Blut nach dem Herzen gedrungen, und fast war es ihm, als stände es lange still. Zwei Gewalten kämpften in ihm: Die Eifersucht mit der Scham — nicht jener Scham vor andern, sondern vor sich selbst, die nicht der Feigheit entsprang, sondern dem Zartgefühl, nicht als Lauscher zu gelten. Und so glich er dem Manne, der in Gedanken schon Besitz von einem süßen Wesen genommen, nicht aber das Recht hat, diese Gedanken in Worte umzusetzen. Und doch fühlte er die drängende Kraft in sich, hinter ihnen herzueilen, um die Szene von gestern fortzusetzen, aber es war nur die Kraft des Willens, nicht die des Körpers. Dann empfand er Beruhigung, durch das, was sie gesagt hatte. Sie war dem andern nur gefolgt, wie das ahnungslose neugierige Kind dem frühreifen Großsprecher.

Er trat aus der Menge, um den Blick zu ihnen frei zu haben. Und als er nun sah, wie Rudi das Stöckchen hoch in der Luft spielen ließ, glaubte er so etwas wie eine Peitsche zu sehen, die von einem jungen Hausherrnsohn über eine Sklavin seiner Familie geschwungen würde, wenn auch nur bildlich.

Er wollte nicht gesehen werden und ging nach der andern Richtung. Plötzlich befand er sich am Spielplatz, wo Dutzende kleiner Rangen durcheinanderkribbelten, Sandburgen bauten und aus demselben Stoff die schönsten Kuchen buken, während die Fräuleins und Kindermädchen auf den Bänken saßen und stille Wacht hielten. Es war ein richtiger öffentlicher Kindergarten, in dem die jungen Menschenblüten bunt und beweglich herumschillerten, allerdings ohne die tote Sprache der Blumen; denn unaufhörlich war das Schwatzen, Schreien und Lachen.

Hin und wieder ließ sich das Weinen einer gekränkten Kinderseele vernehmen, begleitet von dem lauten Schelten der Hüterin. Das Gekreisch eines Vogels platzte hinein, das Grollen des Löwen klang dumpf herüber, die geneckten Hunde ließen ihr bissiges Gebell ertönen. Der Kandidat dachte an eine zuchtlose Schulklasse, in die Tierstimmen zur Warnung hereinschallen. Sofort verspürte er liebe Erkennungszeichen, denn ein lebendes Etwas machte den Versuch, ihm von hinten durch die Beine zu krabbeln. Es war Hans, der ihn bereits erblickt und diese Ueberraschung auf Umwegen vorgenommen hatte.

»Onkel Fröhlich, reite mal auf mir!«