Die Frau Bankdirektor sah aber darin niemals die Empfehlung, andere nicht zu ärgern, und so war sie gleich nach Fannys Erscheinen mit einer sonderbaren Zumutung an sie herangetreten. Emma habe heute außerordentlich viel zu tun, da bekanntlich noch immer kein Kammermädchen da sei, und so möchte Fräulein sich doch dazu »herablassen«, die Schuhe für die Kleinen zu putzen. Einmal sei ja keinmal. Das Wort »Herablassen« war aber so mit Spott getränkt, daß Fanny die Spitze sofort verstand, trotz des zuckersüßen Lächelns. Zu klug, um sich eine Blöße zu geben, hatte sie freundlich zugesagt und sich den Wichskasten in ihr Zimmer geholt, um nicht das Gespött der Dienstboten herauszufordern, die schon lange das »höhere Wesen« in ihr nicht begreifen konnten.

»O, das ist niederträchtig, ich will mich verbessern, ich will lieber sagen, unfein,« brauste der Kandidat auf, der durch diese vertrauliche Mitteilung sehr schnell in das alltägliche Leben zurückversetzt worden war. »Die Frau Bankdirektor scheint das schöne Wort Familiensklavin von ihrem Sohne aufgegriffen zu haben, mit der Absicht, es in der Praxis anzuwenden. Ihnen zuzumuten, das Schuhzeug der Kinder zu putzen! In solch noblem Haushalt, wo Diener und Kutscher sind!«

In seiner Erregung griff er sanft nach ihrer Hand und drückte sie wie zum Trost, und sie duldete es, weil sie es erklärlich fand. Gleich nach dem Fortgang Fröhlichs heute, hatte ihr Walter verraten, wie der Hauslehrer gestern vormittag sie und ihre Familie gelobt hatte, und so fühlte sie sich ihm plötzlich näher gerückt als sonst.

»Sie meinen es so gut mit mir, Herr Kandidat. Ich danke Ihnen sehr dafür,« sagte sie einfach, entzog ihm aber ihre Hand. Beim Aufblicken war sie leicht zusammengeschreckt, denn es war ihr, als wäre Rudi hinten in der Menge wieder irgendwo aufgetaucht. Und als dann Fröhlich mit der ganzen Wahrheit nicht mehr zurückhielt und ihr seine Unterredung mit Roderich mitteilte, die ihn gegen seinen Willen um den Freitisch gebracht hatte, war sie arg betroffen.

»Wie kann dieser Mensch nur so lügen,« rief sie aus, »es ist schändlich! Und ich bin nun indirekt die Veranlassung, daß Sie diese Vergünstigung nicht mehr haben. Es tut mir leid, herzlich leid.«

Kandidat Fröhlich schüttelte lächelnd mit dem Kopf. »Es ist Bestimmung, alles nur Bestimmung, Fräulein Frank, gewissermaßen der Wille des Schicksals, der uns alle lenkt. Es sollte so kommen. Ich hätte wohl sonst nicht das Vergnügen gehabt, mich mit Ihnen über unsere beiderseitigen kleinen Leiden hier ungeniert aussprechen zu können. Was mich betrifft, so hatte ich schon längst große Sehnsucht danach. Und soll ich noch offener sein, so muß ich Ihnen sagen, daß mir das Essen bei Roderichs längst nicht mehr geschmeckt hat. Wissen Sie auch, weshalb? Weil Sie nie am Tische mitaßen, weil man Sie sozusagen immer im Hintergrunde abspeiste. Stets hatte ich das Gefühl, daß man Sie zurücksetze, daß die Gnädige Sie halb und halb zu den Dienstboten rechne — und dadurch bin ich mir selbst ein wenig entwürdigt vorgekommen. Denn eigentlich nehmen wir beide dieselbe Stellung im Haushalt ein: wir opfern unsere ganze Liebe den Kindern. Das gebildete Proletariat ist gerade gut genug, seine Töchter und Söhne den Wohlhabenden ins Haus zu schicken, damit aus ihren Kindern Menschen gemacht werden. Sie können sich diese Familiensklaven jederzeit verschreiben lassen, sie sind im Ueberfluß vorhanden, denn das Angebot ist stärker, als die Nachfrage. Ich kann Ihnen sagen — ich freue mich beinahe, daß unser Herr Rudi dieses Wort gestern geprägt hat. Immer schon suchte ich nach einer erschöpfenden Bezeichnung für die Legion dieser geplagten Menschen, zu denen auch wir gehören. Und was mein Scharfsinn nicht fand, gab seine Brutalität zum besten. Familiensklaven — das klingt so hübsch strafmildernd, so ganz nach verzuckerter Grobheit, ganz anders wie Haussklave. Man kann dem Worte nicht recht beikommen. Man fühlt sich gekränkt und muß den Aerger herunterwürgen, mit Höflichkeit sogar, wie ich es gestern getan habe. Man weiß, daß es kein eigentliches Sklaventum mehr gibt, daß man, wenn man will, jeden Augenblick davon gehen kann, um seine persönliche Freiheit ganz und voll zu genießen, — und doch fühlt man statt der einstigen Kette die hundert Fäden, die uns in Abhängigkeit zwingen und fesseln. Und wie diese Fesseln feiner geworden sind, so auch die Demütigungen; sie werden nicht mehr mit der Peitsche verabreicht, sondern hübsch in Pillen, die manchmal recht bitter schmecken. Wir sind zwar in der Familie, aber wir gehören nicht dazu, wenn man uns das auch glaubhaft machen will. Was ja auch ganz natürlich ist, denn es gibt keine bezahlten Familienmitglieder. Sie sind eben das Fräulein, und ich bin der Kandidat, etwas rein Sachliches. Und eine Sache kann man sich kaufen. Und doch verlangt man Wärme von uns, gewissermaßen ein Aufgehen unseres Gefühls in das unserer Zöglinge; man verlangt einen Pflichteifer, der beinahe an persönliche Verantwortlichkeit grenzt. Und das finde ich wieder unnatürlich, weil wir stets Fremde in der Familie bleiben werden, und weil ungleiche Werte ausgetauscht werden.«

Während der Kandidat sprach, hörte ihm Fanny aufmerksam zu. Noch niemals hatte sie viel darüber nachgedacht, nun aber fand sie, daß er zwar recht habe mit seinem Vergleich, daß er aber doch etwas schwarz sehe. Er hatte sich eben Rudi zum Feinde gemacht, und so sprach der bittere Groll aus ihm, während sie in Kornelia eine Freundin hatte, die manche Härte ihrer Mutter ausglich. Als sie das aber äußerte und auch auf Walter hinwies, lächelte Fröhlich wie verzeihungsvoll, als hätte er auf diesen Einwurf nur gewartet.

»O, gewiß; das sind die kleinen menschlichen Oasen in unserer Familienwüste, dazu da, uns nicht seelisch verdursten zu lassen. Die gibt's überall, und sie werden ohne Zweifel freudig begrüßt. Sie sind die kleinen Nebengeschenke, die nichts kosten. Aber bezahlt werden wir doch nur von den Eltern, und das ist für uns das Entscheidende. Sie werden sehen — alle Macht Kornelias wird nicht ausreichen, Sie vor neuen Unwürdigkeiten zu bewahren. Auf alle Fälle wollen wir zusammenhalten. Geben Sie mir Ihre Hand darauf!«

Und als er sie hatte, drückte er einen Kuß darauf, ohne daß Fanny es verhindern konnte.

Unter seinem seltsamen Blick wurde sie rot, aber es war ein anderes Gefühl der Röte, als das war, was sie vorhin bei Rudis Reden empfunden hatte. Ein Mann hatte zu ihr gesprochen, ein ernster Mann, der sie nicht wie eine billige Spielsache behandelte, nicht wie eine gebildete Dienerin, gegen die man sich Keckheiten erlauben dürfe, sondern mehr als Dame, der man trotz des Kattunkleides allen Respekt entgegenbringen müsse. Und ihre Verlegenheit machte sie noch röter, als er jetzt mit großer Höflichkeit tief den Hut zog und mit einer ritterlichen Verbeugung davonging.